
Die Szene stammt vom Beginn des vielfach preisgekrönten Dokumentarfilms „Born in Evin“, in dem Zaree die Geschichte ihrer Familie erzählt; eine Geschichte von transgenerationalem Trauma und Widerstand gegen das iranische Regime. Die Tschador-Ankleide kommentiert sie mit den Worten: "Unsere Eltern fliehen aus dem Iran, damit ihre Kinder solchen Dreck spielen müssen."
Der Anfang von BORN IN EVIN ist eine der wenigen Dokumentarfilmszenen, in denen eine Kostümprobe gezeigt wird, der Kern der kostümbildnerischen Arbeit. Das hat mich sehr berührt. Der gezeigte Konflikt zwischen dem Wissen der Schauspielerin und dem vorgesehenen Kostüm betrifft für mich ein Problem, das ich für unsere Arbeit sehe: diskriminierende Kostümbilder.
Zaree stellt in ihrem Dokumentarfilm den rassifizierten Blick aus, den die deutsche Fernsehbranche auf sie als PoC-Schauspielerin wirft. Es ist der Blick einer weißen Dominanzgesellschaft auf die Rolle einer geflüchteten Person, die Vorstellung, die Filmemacher*innen mit einer solchen Figur verbinden. Dabei fallen der Körper von Zaree und der Körper der Rolle zusammen. Darum ist es erschreckend, dass außer Zaree offenbar niemand über die Implikationen der Kostümwahl nachgedacht hat. Das gewählte Kostüm ist, wie sie sagt, schlecht recherchiert; statt die Kleidung von Geflüchteten darzustellen, wird ein rassistisches Stereotyp bedient.
Kostüme sind meist das, was Zuschauer*innen als erstes sehen, wenn in einem Film eine neue Figur ins Bild tritt. Kostümbild macht aus Schauspieler*innen lässige Polizist*innen in Lederjacke und Jeans oder unschuldige Mädchen in wahlweise rotem oder weißem Sommerkleid. Als Kostümbildner*innen lenken wir den Blick der Zuschauenden auf den Charakter. Wie wir eine Figur anlegen, entscheidet maßgeblich darüber, wie sich die Sympathie des Publikums verteilt – wer gemocht wird und wer nicht, wer mit Mitgefühl rechnen darf und wer geothert wird. Unter Othering (englisch other = “andersartig”) versteht man die Konstruktion eines Anderen, mit dem Ziel, die so geotherte Person oder Gruppe aus dem eigenen Wir auszuschließen und dadurch abzuwerten.
Bestimmte Kostümentscheidungen flimmern im deutschen Fernsehen immer wieder über die Bildschirme. Etwa die Sexarbeiterin in Kombinationen aus Neon-Pink, Leoparden-Print, Netz und Creolen. In der Natur warnen grelle Farben vor Gift, im deutschen Film warnt Neon-Pink vor niedrigem sozioökonomischen Kapital. Leo-Print – im Original als Fell irgendwann mal die Tracht ägyptischer Priester – ist längst zum Marker frivoler Weiblichkeit geworden. Dabei hat die Verwendung des ostentativ mit Inszenierungsfreude aufgeladenen Leo-Prints die Funktion, die Figur von einem weißen Mittelschichtspublikum zu entfremden, das in deutschen Fernsehproduktionen oft Adressat*in der Erzählung ist. Denn offensive Inszenierungen bedeutet für viele auch, dass es sich um eine nicht ernstzunehmende (weibliche) Person handelt. In der Figur der Sexarbeiterin werden mittels Kostüm und Besetzung zudem Bilder von osteuropäischer Hyperfemininity aufgerufen. Ein diskriminierendes und rassistisches Stereotyp, das häufig noch durch ein Spiel mit Akzent auf die Spitze getrieben wird.
Eine weitere Spielart der Diskriminierung durch Kostüm ist für mich das Klischee des schwulen Paradiesvogels. Man könnte meinen, man sähe queeren Personen ihr Queersein nicht an – anders ist das in den meisten Jugendserien. Hier sind Queers und insbesondere schwule Personen schon in der Totalen an der Kombination von mindestens vier Farben und einem Faible für Schnitte und Cut-Outs aus den 80er Jahren zu erkennen. Ihre Geschichte wird häufig als Verwandlung in eine cis-normative Vorstellung von Queerness bebildert – ein Paradiesvogel, der in jeder Szene bunter wird. Spätestens beim Happy End ist die Figur bis zur Unkenntlichkeit geothert und auf ihren visuellen Unterhaltungswert reduziert. Für eine mehrdimensionale Persönlichkeit die Identifikation zulässt, ist da wenig Platz. Vielmehr bieten die überzeichneten Figuren Angriffsfläche für rechte Hasskommentare und wenig Identifikationsmöglichkeiten für junge gender non-conforming Personen oder Queers.
Dass sich Kostümbilder ähneln, ist nicht weiter verwunderlich, sieht man sich an, wie homogen die Gruppe der Kostümbildner*innen ist. Wie in den meisten Departments mangelt es an Diversität. Kostümbilder formen und verändern den Blick auf Körper und Personen. Darum ist es politisch, Sexarbeiter*innen, Queers oder Geflüchtete als Individuen zu inszenieren. Um diesem Umstand Rechnung tragen zu können, ist es als Bildproduzent*in essenziell, die eigene Positionierung zu kennen und den eigenen Blick auf die Welt kritisch zu hinterfragen. Wir leben in einer weißen Dominanzgesellschaft, in der Rassismen und Antisemitismen, Behinderten- und Muslimfeindlichkeit, Fatshaming und weitere diskriminierende Praktiken Teil der Sozialisation sind. Diese Prägungen selbstkritisch zu reflektieren, um sich von ihnen zu lösen, ist ein langwieriger Prozess. Denn dafür ist es nötig, eigene Sichtweisen zu hinterfragen, Betroffenen zuzuhören, Fehlentscheidungen zu erkennen, gerade wenn diese unabsichtlich, unbewusst getroffen worden sind. Wenn wir als Kostümbildner*innen diese Arbeit nicht machen, sorgen wir dafür, dass Menschen diskriminiert werden. Bildproduzent*innen in allen Departmens haben die Verantwortung sich zu bilden und zu positionieren.
Diskriminierende Inszenierungen finden nicht im luftleeren Raum statt, sie nutzen rechten Faschisten. Aus ihnen speist sich das diffuse Gefühl und die Überzeugung, dass non-binäre Personen, Transmenschen, BIPOCS und Frauen entmenschlicht werden können. Diskriminierende Bilder können darüber hinaus ein Eigenleben entwickeln und als (Meme-) Vorlage für eine digital erstarkende Rechte genutzt werden. Die AfD arbeitet mit ihrem Antrag „Keine Ideologisierung der Bundesfilmförderung – Der Kunstfreiheit Geltung verschaffen“ bereits daran, ihre rechtsextreme Ideologie im Film vertreten zu sehen.
Wenn es nach der AfD geht, soll der deutsche Film ihre Weltanschauung abbilden. Klischeehafte und in vielfältiger Hinsicht diskriminierende Inszenierungen wären bei der Rückbesinnung auf „deutsche Werte“ Realität. Kostümbildnerisch wären das die Folgen: Stereotype, Binarität, Othering und noch mehr Uniformen. Darum ist es unsere Aufgabe als Kostümbildner*innen, Expert*innen für anti-diskriminierende Kostüminszenierungen zu sein und uns mit marginalisierten Gruppen zu solidarisieren.
In den letzten Jahren wurden in Deutschland endlich diskriminierende und rassistische Praktiken der Filmindustrie hinterfragt. Das hat dazu geführt, dass mehr BIPOCS besetzt werden. Gleichzeitig ist die Filmbranche kein Safe Space für rassifizierte und marginalisierte Personen. Darum war und ist auch die Kostümprobe teils kein sicherer Raum. Ich wünsche mir, dass wir das ändern. Dass wir Betroffenen zuhören, Expertisen anerkennen, Panels abhalten und Bücher lesen. Ich wünsche mir, dass wir den Einstieg für marginalisierte Personen ins Kostümbild erleichtern. Ich wünsche mir, dass wir uns zur Diskriminierungskritik im Kostümbild bekennen und erkennen, dass unser Blick politisch ist und die Welt verändern kann.
Freya Herrmann ist Kostümbildnerin, Kulturwissenschaftlerin und VSK Mitglied. Mit Vera Klocke und Jasper Landmann produziert sie den Podcast „Fashion The Gaze“, in dem es darum geht, wie Inszenierungen in Filmen, Serien und auf Social Media unsere Gegenwart formen. Für „Corso“ und „Kompressor“ bei Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur analysiert sie (Pop)kulturelle Phänomene.