
„Suche Original U-Boot-Kleidung zwecks Verfilmung“
Ein Flur führt zum Studio. Lang und schmal. Den ganzen Flur entlang: Kleiderständer an Kleiderständer. Und darauf? Kostüm an Kostüm. Da baumeln sie, die Klamotten für die 43 Mannen. Man muss sie nur noch greifen und anziehen. Der Film kann losgehen!Wie sie dahin gekommen sind? Heinzelmännchen etwa?
Noch vor gut einem Jahr hatte Monika, als Nachkriegskind vom U-Boot-Krieg unbelastet, zurecherchieren begonnen. Die Fotos von Buchheim (Lothar-Günther Buchheim, Anm. d. Redaktion) sind schwarz-weiß – wir drehen in Farbe. Sie geben fabelhaft die Stimmung wieder – hie und daauch brauchbare Details. Aber als Vorlage für Schneiderwerkstätten? Kein genauer Schnitt, keine Materialangabe. Farbe? Anzahl der Knöpfe? Wann wurde was getragen und warum? Zuerst scheintsich die Angelegenheit schnell zu lichten. Jeder U-Boot-Knabe hat eine Leder- und eineDrillichkluft. Dazu für die Wache auf dem Turm Wetterschutzkleidung. Also 43 Lederanzüge, 43Drillichanzüge, plus vier bis maximal sechs Wetterschutzottos. Ein paar Pullover, Handschuhe,Stiefel. Die Kerle an Bord hatten einen 20x30cm Minispind, da mussten sie alles reinpröffeln.Also brauchen wir für den Film auch nicht mehr? Pustekuchen
Je länger Monika recherchiert, desto unklarer wird die Sache. ZentnerweiseBekleidungsvorschriften in Museen und Archiven. Alles Marine! Zeichnungen davon, wo in derUnterhose bitte der Stempel "Kriegsmarine" aufgedrückt wird. Alles da. Doch von U-Bootbekleidung keine Spur. Nur lapidare Worte, dass es für spezielle Fälle Sonderbekleidung gab. Ein Besuch bei Buchheim erhellt zwar die Angelegenheit etwas. Doch er behauptet z.B. steif undfest, eine schwarze, kurze Lederjacke – wie ein Foto aus den historischen Archiv der Bundeswehreigentlich beweist, hat es nie gegeben. (Er erinnert sich auch nicht an alles!) Oder: Er beschreibt inseinem Roman sehr blumig den liebevoll handgestrickten Pullover von einer gewissen Simone. Begeistert (in materialknappen Kriegszeiten) gipfelt er in der Behauptung: Der Pullover sei kein "Arschbetrüger" gewesen! Doch seine eigenhändig geschossenen Fotos beweisen: Bis zur Tailleging das Ding und keinen cm weiter! Vielleicht sah er den Pullover durch eine rosarote Liebesbrille? Alle Eventualdiskussionen müssen erkalten – Originalteile müssen her.
Schwierig, wo doch die meisten auf dem Atlantikgrund liegen und der Rest der überlebenden Klamotten aufgetragen wurde. Eine Annonce im Käseblatt der Kameradschaftsvereinigung ehemaliger U-Boot-Fahrer und in diversen Antiquitäten-Blättern: "Suche Original U-Boot-Kleidung zwecks Verfilmung". 30.000 waren es. 10.000 sind übriggeblieben. Davon leben noch 5.000. Und die rufen bei Monika an. Alle. Teils aus Neugierde, teils weil sie noch was Altes haben. Sammler, die im Westfälischen in ihrer Garage ein privates Uniform-Museum betreiben.


Für jedes benötigte Uniformteil kommt ein Muster aus abenteuerlichen Gefilden. Farbe, Form undMaterial sind ablesbar und nun auch nachvollziehbar. Die Aufträge werden erteilt. Leder wirdgefärbt, Drillich gewebt und farblich bestimmt. Ein Set von jeweils 5 Stück pro Mann und Nase.Denn mit einem Lederanzug kommt man nicht aus: Erstens die Vergammelungsphasen vomAuslaufen bis zur Zerstörung beim Bombardement und dann die Nässe, das Wasser. Man brauchtständig wieder trockene Klamotten. Man kann ein teures Team nicht warten lassen, bis so einKostüm getrocknet ist. 5 x 43 = 215 Lederuniformen. Dito 215 für Drillich. Fabrikneu kommt dasmaßgeschneiderte Zeugs in München an. Die Lederuniformen: brandneu, eineSonntagsnachmittagsausgehuniform.
Eine Vergammelungscrew macht sich mit Chemikalien und mechanischen Werkzeugen ans Werk.Aceton zerstört die Lederfarbe. Also wird erst einmal an allen beanspruchten Stellen – Knie,Ellbogen, Po und Taschenpatten - die schöne Lederfarbe so lange entfernt, bis das Naturlederherauskommt. Carola und Renate, theatererfahrene Vergammelungskünstlerinnen, reiben mitLappen und Schwämmen die Farbe ab. Im Aceton-Dunst leicht high, mit eiskalten Fingern wegender Verdunstungskälte. Wochenlang. Im Freien. In geschlossenen Räumen würden sie nach einerViertelstunde bereits umkippen. Der Sommer ist keiner. Es regnet, ist kalt. Ein provisorischesPlastikzelt (Plane zwischen zwei Garderobenständern) ist die Werkstatt. Karin traktiert die farbfreigelegten Flächen mit allerlei kuriosen Chemikalien. Selbst WC – Reinigermit Chlorzusatz wird hervorgeholt. Mit Drahtbürsten und Schmirgelpapier, mit Chlorbleichlaugeund und ... kratzen und bürsten, schrubben die drei Damen um die Wette. Phase I, Phase II und soweiter. 215 Monturen durch. Und dann tritt Sigi, der Gewandmeister auf's Tapet. Mit geübten Griffbugsiert er den ganzen Krempel in Salzwasserlauge, um Falten beizubringen und den neuen Uniformen das Letzte zu geben. Lässt die Klamotten wässern und zerrt die bleischweren Uniformteile in die nichtvorhandene Sonne – hoffentlich trocknet der Mist bis Drehbeginn.
Der Sommer: Beschissen – Es gießt und schüttet. Charly, der Garderobier, wird zweckentfremdet. Er bringt den 150 Paar Bordschuhen die Flötentöne bei. Und kratzt die Lederkappen auf Benutzungsspuren ab. Eine Hexenküche! Eine einzelne Person: Lilo versieht seit Tagen dieblitzblanken Messinganker-Knöpfe mit Grünspan und Grind. Die teuren goldgestickten Emblemewerden zerstört, künstlich oxydiert. Mützen verformt, Ärsche ausgeweitet. Ein anderer Spezialtruppschneidet mit Rasierklingen Löcher in die brandneuen Pullover und stopft dieselben in nächtelanger Heimarbeit mit diversen Garnen wieder zu. Ungelenk bitte, als ob die Buben es selber gemachthätten. Drahtbürsten überall.
Karin färbt und bleicht. Es stinkt fürchterlich nach faulen Eiern. Aber das ist "nur" die Bleichlauge, damit das Drillichzeug zehnmal gewaschen wirkt. Chlor und Aceton, Bleiche und Farbe, Trichlorethylen, Nitroverdünnung, Benzin, Terpentin, Salzsäure. Die Gummihandschuhe lösen sichreihenweise auf. Grau, schwarz, Gammel. Aufgeraute Kanten, "Wollmäuse" auf den Pullovern.
Acht Wochen lang das Chaos! In der Giftküche 50 verschiedene Grautöne. Schulterklappen, Laufbahnabzeichen, Rangabzeichen, goldene Litzen, Tressen, Sterne, gestanzte oder gesticktePleitegeier, große, kleine und kleinste Orden. Gehaßte, aber notwendige Militärzutaten. Listen …! Egal. Wichtig ist, dass der ganze Klamottenhaufen getragen wirkt. Der Teufel sitzt im Detail. Altöl, Fett, Dreck und Schmiere auf den Kragenecken. Schön organisch – wie im Leben. Seestiefel mit Korksohle und Filzisolierung gegen die Kälte – sie kommen per Spezialanfertigung aus England.


Unter dem "Hui" wird drunter ein "Pfui" gebraucht ...
Was passiert denn, wenn unsere Darsteller 10 Stunden am Tag dem Wasser ausgesetzt sind? Kann man riskieren, daß sich da wer ’ne Lungenentzündung holt, oder nur einen Schnupfen? Für jeden dem Wasser ausgesetzten U-Boot-Insassen wird eigens eine Art Taucheranzug angefertigt. Speziell dünn, damit er unter dem Kostüm nicht aufträgt und die Darsteller nicht als gepolsterte Rugby-Spieler erscheinen. Testaufnahmen. Monika ist zufrieden. Nun hängt der Krempel da. Fein säuberlich geordnet, aber verdreckt. Name für Name. Ein 50 m langer Flur voll Klamotten. Es kann endlich losgehen!
Wie geht ein Elefant durch's Nadelöhr? Eine einfache Geschichte. Doch was macht man um Gottes Willen mit der Bordfliege, dem lieben Tierchen, das sich als blinder Passagier an Bordgeschmuggelt hat und vom Leutnant stundenlang beobachtet wird? Zu seiner Freude endlich ins Nasenloch von Dönitz krabbelt, bzw. dessen fotografischen Konterfeis? Gibt es wohl dressierteFliegen, so á la Flohzirkus, die auf Kommando dorthin krabbeln, wohin man sie haben will – ins Nasenloch? Die 14 Tage, die der Kameramann im Startloch sitzen müßte ... bis ... Blödsinn! Vielleicht versucht man's mit einer Marmeladenspur? Oder sonst was Fliegenanlockendem? Einem Harzer-Käse-Pfad? Verworfen. Man sähe den Pfad. Doch erst einmal: die Fliege selbst muß her! Peter, der Requisiteur – der sonst in seiner "Gewußt-Wo"-Kartei allerlei Viecher gespeichert hat – vom zittrigen Rehpinscher bis zum motorradfahrenden Elefanten – setzt seine Spürnase aufFliegenfährte und – hat's schon: Ein zoologisches Institut züchtet extra dicke Brummer, die einerseltenen Reptilienart zum Fraß vorgeworfen werden. Zwanzig edle Exemplare, mit Kinderbreigemästet, dick und fett, sitzen nun in einen Marmeladenglas mit luftlochperforiertem Deckel undwarten auf ihr Filmdebüt. Überhaupt hat der gute Peter so ein paar Spezialprobleme mit diesen U-Boot-Stoff. DieInneneinrichtung des Bootes hat er durch Originalgeräte von damals ergänzt. Teils von Sammlern, aus Museen – weiß der Teufel, wo er's aufgetrieben hat. 40.000 km ist er insgesamt rumgekurvt, hat mit den besorgten Eignern persönlich verhandelt, gebeten und gebettelt, mit Bezahlung gelockt, geschachert und geredet. Aber rede mal mit einem Sammler, der vor 10 Jahren noch für'n Appelund ein Ei einen echten Suppenteller mit Porzellanstempel – Hakenkreuz und Pleitegeier – erworbenhat. "Geht der denn nicht kaputt", "Wie hoch ist der denn versichert?", "Und wenn er kaputt geht – finanzieller Ersatz???". Aber der Sammler will nicht DM 150 für den Teller – er will den Teller. Den echten. Und das alles nur, um den letzten Überlebenden zu beweisen: Wir sind bis ins Detail authentisch? Sicher nicht. "Spannt keine Sau!" könnte die Devise lauten – doch es hat auch mit Berufsehrgeiz zutun. Bei Karstadt ein paar Teller kaufen, das kann jeder. Aber wenn der widerliche Bücklingstellerzum Ablecken zum Munde geführt wird und die Unterseite des Tellers ist im Bild und Hakenkreuzund Pleitegeier sitzen noch unter dem Teller, dann stimmt es eben. So geht es weiter mit jeder Gabel, jedem Löffel.

Irgendwann ist Remmidemmi an Bord. Der Alte erlaubt 1/2 Flasche Bier pro Mann. Beck's Bierwar das damals. Die Problemlawine rollt schon wieder: Die Holzkästen sind Plastikkästengewichen, das 0,63 l Format der Flaschen gibt's nicht mehr. Die Etiketten sind heute anders. Sogardas historische Archiv des Hauses Beck besitzt die Rarität nicht einmal. Der traditionsbewusste Archivar der Firma Beck nimmt unsere Anfrage zum Anlass und gibt einem Glasbläser die alteFlaschenform in Auftrag, lässt Etiketten nachdrucken, Strohhülsen flechten und drückt dem eigensangefertigten Holzkasten noch den Brandstempel "Beck's" auf. Frei Haus und kostenlos rollt derKasten Bier zum Boot. Nicht für alles muß der arme Gebührenzahler herhalten.Auch die Kosten für das schimmeliges Brot an Bord sind gering: Da braucht man nurSchimmelerfahrung. Nach einer Woche haben die Requisiteure den Dreh heraus: Das Brot wird infeuchtwarmer Plastiktüte angesetzt, in ein paar Tagen ist es "reif". Buchheim-getreu und Petersen-gerecht, von bläulich-milchigem Schimmel überzogen. Und mit dem "Mutterschimmelbrot" stecktman dann die nächsten an. Dass die Brotlaibe speziell nach damaligen Formen in seiner Bäckereigebacken werden, ist schon so selbstverständlich, wie der Text für Schauspieler.Überhaupt: der Proviant an Bord. Mitten in der Zentrale steht die Kartoffelkiste. Am Anfang mit frischen Kartoffeln. Später sollen siekeimen. Und zwar auf Anhieb, denn in einer Woche wird eine Szene mit den Kartoffeln gedreht! Ineinem Saatzucht-Institut kreisen schon ein paar Professoren um unser Problem. Was schon der alteHeinrich Heine als "High-Macher" beim Schreiben benützte - faule Äpfel sind die Lösung!Sie entwickeln Ethylen-Gas, fördern den Reifeprozess. Peter mischt seine Kartoffeln mit faulenÄpfeln und munter keimen die Biester drauflos. Die Sache mit dem Ethylen-Gas gilt auch für dasBananenproblem. Peter braucht verschiedene Reifegrade der Bananen: Im Laden frisch bis braun inGibraltar. Grün liegen sie in den Kühlhäusern, bevor sie für den deutschen Verbraucher gelb"gefärbt" werden. In Kammern werden sie mit Ethylen-Gas gereift. Jede Woche bestellt Peter seineBananen mit dem richtigen Gelbton - den letzten Schliff bringt er Ihnen dann noch selber bei: Miteinem Föhn traktiert er die Bananen so lange, bis sie schwarze Stellen bekommen. Eine hübscheBeschäftigung für einen ausgewachsenen Familienvater: "Bananen-föhnen-bis-sie-schwarz-werden!"Aber nicht nur solchen "Schwachsinn" muß Peter bewältigen. Der "Draeger-Tauchretter” (einhistorisches Atemschutzgerät, Anm. d. Redaktion) ist bis auf ein Originalmuster nicht aufzutreiben. 30 Stück benötigt er aber für eine Szene. Zwei Monate fahndet er schon danach. Nun läßt er dieDinge nachbauen. 108 Einzelteile sind nötig; Nieten, Dichtungen, Schrauben, Hebelchen. Teilweisein Harz nachgegossen. Eine Wahnsinnsarbeit. Und Sigi, der Gewandmeister aus derKostümabteilung, liefert 30 Klobrillen-ähnliche Stoffgebilde dazu. Vierzehn Tage lang produzierter nichts anders, als diese Tauchretter nach schwierigstem Schnittmuster. Für La Rochelle werden dann Waffen, Autos, Flugzeuge von Peter herangeschafft. Alles keinProblem. Wenn nur der benötigte Schlamm, der Schleim, der Schiss, der Schnodder, der Schimmelund die Schlieren nicht wären!