
Die Stadt Saraqib liegt im Nordwesten Syriens. Ich bin in dieser Stadt aufgewachsen und habe in ihren Gassen und Straßen gespielt. Die Architektur meiner Heimat ist von der Farbe Grau stark geprägt: Grau ist die Farbe des Zements, aus dem öffentliche Gebäude gebaut wurden. Grau war die vorherrschende Farbe der Räume, in denen ich zur Schule gegangen bin und Grau ist die Farbe der Gebäude syrischer Regierungsinstitutionen, deren Oberflächen die ihnen innewohnenden politischen Ideologien reflektieren. Die Bewohner meiner Heimatstadt wurden vor etwa vier Jahren vertrieben. Saraqib ist dadurch ein menschenleerer Ort geworden, in dem eine tödliche Stille herrscht. Sie ist nicht mehr die Stadt, die ich gekannt habe. Der Krieg hat ihre Gestalt verändert und ihre Häuser zerstört. Nachdem die Granaten auf den Ort gefallen waren, sammelten sich dicke, graue Asche- und Staubschichten an, die die Häuser und Straßen mit einer einheitlichen Schicht aus hellgrauem Schmutz bedeckten: All die Dinge im Haus meiner Familie - Wände, Böden, Möbel, sogar die umstehenden Bäume. Zuvor belebte Orte wurden zu leeren Räumen ohne Bewohner. Besah ich mir die Dinge, konnte ich nicht erahnen, dass sie aus unterschiedlichen Materialien wie Holz, Glas oder Plastik waren. Sie verloren die Farbe und Haptik des Materials, aus dem sie gemacht waren. Alle Objekte wurden gleich. Als wären sie Skulpturen aus Zement und Stein. Sämtliche Details, Linien und Kontraste wurden eliminiert, so dass alles zu einer abstrakten Fläche wurde und der ganze Ort wie ein verschwommenes Bild aussah.


↑ Saraqib nach den Luftangriffen
Viele der übrig gebliebenen Gebäude wurden zweckentfremdet: Schulen wurden zu Wohnorten und manche Gebäude nach der Zerstörung von Krankenhäusern zu Erste-Hilfe-Zentren umfunktioniert. Die Zerstörung, der die Räume ausgesetzt waren, zwang uns, in ihnen im jeweiligen Zustand zu leben. Gemäß dem Drehbuch des Krieges wurde es zur neuen Norm, dass nicht zusammenhängende Dinge im selben Raum untergebracht wurden, Kochutensilien zum Beispiel, medizinische Geräte und Schulstühle. Im Krieg sind alle Optionen möglich, da ein Raum alles sein kann: Ein Haus, eine Krankenstation oder sogar eine Schule. Die sich fortwährend ändernde Konstruktion dieser Räume und die Migration ihrer Bewohner von einem Ort zum anderen, schufen eine physiognomische Struktur, die die Verlustängste der Menschen spiegelte. Alles erschien mir wie die Szenerie eines Studios, in dem ein Film über den Krieg gedreht wird: Jeder Tag erlegte den Räumen eine andere Bedeutung mit einer neuen „szenografischen“ Gestaltung auf. Mit unter wurden Wände und Möbel entfernt und somit Raum für andere, neue Szene geschaffen.





↑ Das Haus meiner Kindheit in Saraqib, fotografiert von meiner Familie
Ich habe meine Heimatstadt bereits vor Jahren verlassen, doch das Grau und diese ständige Umordnung des Krieges sind wichtiger Teil meiner Erinnerung und Gegenwart. Als Künstler und studierter Production Designer begann ich mich zum Ende meines Studiums zu fragen, welchen Einfluss diese Bilder und das Erlebte auf mich und meine Arbeit als Künstler haben, der sich mit der Gestaltung von Räumen befasst? Also fing ich an über die Farbe Grau zu forschen, die emotional so eng mit meiner Vergangenheit verbunden ist und viele andere Farben in sich trägt. Ich wollte den Facetten des Graus nachspüren, um mich mit meiner eignen Vergangenheit zu konfrontieren. Dabei entstanden Bilder von Räumen aus Licht und Schatten, deren Graustufen mir eine Möglichkeit zum Experimentieren und Wachsen anboten; die in ihrer Wirkung an Zeit, Erinnerungen und Träume rührten. In der Literatur wird Grau als die Abwesenheit von Farbe oder der farbliche Nullpunkt in der Kunst beschrieben [1]. Wassily Kandinsky schrieb: “Grau ist der Moment, in dem alles stillsteht, in dem es nichts gibt, kein Geräusch, nur Unbeweglichkeit und ein Gefühl der Trostlosigkeit.” [2] In einem seiner berühmtesten Werke, ABENDMAHL, zitierte der Künstler Ben Willikens das Wandgemälde Leonardo da Vincis [3]. Das kalte Grau, in welchem Willikens seine Leinwände bemalte, stammt aus einer Lebenserfahrung, die er als Kind im Winter 1943 gemacht hatte, als er durch die Viertel seiner Stadt ging, die während des Krieges von Luftangriffen verwüstet worden war. Die Stadt war von mit Schnee vermischter Asche bedeckt [4]. "Die Farbe Grau bringt mit all ihren Nuancen das Licht dosiert an unser Auge und drängt sich nicht sofort auf“, sagt Willikens. Sie erzeuge „eine gewisse Versachlichung. Gleichzeitig ist sie die Farbe des Sterbens und Leidens.” [5] Der Konzeptkünstler Alan Charlton begann in den 1970er Jahren Gemälde in monochromem Grau zu malen. ”Ich denke, Grau hat diese Qualität einer obsessiven Isolierung; (...) ich habe sie gewählt als die emotionalste Farbe, die es gibt. Es ist die Farbe der Nützlichkeit und der Langeweile, der Melancholie, der Depression.“[6] Durch die Beschäftigung mit Malerei, wurden mir die zahlreichen Qualitäten des Graus bewusst.

↑ Die Modelle und Fotografien entstanden im Rahmen der Arbeit für den Animationsfilm RICORDARI (AT).

Die Orte und Räume, an denen ich früher gelebt habe oder an denen ich heute lebe, inspirieren mich. Meine Beziehung zu diesen Orten, Räumen und Dingen ist eine Art Interaktion und innerer Dialog. Ich spüre sie und kommuniziere mit ihnen durch meine Sinne und meinen Körper. Diese Räume haben ihren eigenen Geruch, auch die Beschaffenheit und das Echo der Wände sind spürbar. Wenn wir sie verlassen, bleiben sie als geistige Räume in unserer Erinnerung. Der Ort, den ich im Leben unwiederbringlich verloren habe, ist das Haus meiner Familie in Saraqib. Dieser Verlust hat mich dazu motiviert, mich mit Wohnräumen, Möbeln und Gegenständen auseinanderzusetzen, die aus verschiedenen Gründen von ihren Bewohnern zurückgelassen wurden oder nicht mehr existieren, möglicherweise aufgrund von Krieg oder Katastrophen. Ich begann sie als Modelle aus Papier und Pappe nachzubauen, was mich zurück in meine Kindheit versetzte, als ich mit diesen Materialien gezeichnet und gebastelt habe. Der Prozess des Aufbaus dieser Räume ist für mich eine Neuschöpfung und Interaktion mit Objekten und Ereignissen aus der Vergangenheit. Meine Arbeit beruht darauf, diese Räume zu erforschen und die verschiedenen Konfigurationen von Möbeln und Gegenständen darin zu analysieren, indem ich sie in verschiedenen Kontexten neu anordne und sie anschließend fotografisch dokumentiere.





Es ist mir wichtig in meinen Arbeiten, Fragen über bestimmte Räume oder Objekte des alltäglichen Lebens zu formulieren. Wenn wir diese Bilder betrachten, regen sie uns vielleicht dazu an, über die Bedeutung der gezeigten Räume nachzudenken und was sie uns über ihre Bewohner erzählen. Insbesondere die Stilllebenmalerei und ihre visuelle Sprache verwende ich bei meiner Arbeit als Inspiration. Die Gemälde von Giorgio Morandi zum Beispiel haben, in Bezug auf Komposition, Farbe, Licht und Stimmung, einen großen Einfluss auf meine Arrangements. Morandis Gemälde erwecken den Eindruck, als würde man sie aus der Ferne betrachten, wobei die Kanten und Schatten der Objekte verschwommen und unscharf erscheinen. Seine Arbeiten haben eine Bildsprache, die Gefühle von Intimität und Nostalgie vermittelt.


Manchmal konzentriere ich mich nur auf ein einzelnes Objekt, das alleine im Raum steht, und fotografiere es. Wenn ich das Bild betrachte, eröffnet sich die Möglichkeit, mir vorzustellen, welche anderen Dinge sich zuvor im Raum befunden haben könnten. Wir können das Objekt sehen, das dort ist, und möglicherweise auch feststellen, dass andere Objekte entfernt wurden oder nicht mehr existieren. Das Bild kann uns somit sowohl einen Einblick in den gegenwärtigen Zustand des Raums, als auch in seine Vergangenheit geben. Es kann uns zeigen, wie sich der Raum im Laufe der Zeit verändert hat und welche Spuren vergangene Ereignisse hinterlassen haben. Das Ergebnis der Verschmelzung von Modell und Fotografie ist für mich letztendlich wie ein Gemälde. Das Bild sollte nicht nur Illusionen schaffen oder die Realität simulieren, sondern vor allem den Betrachter zum Nachdenken einladen. Jedes Medium trägt auf seine eigene Weise dazu bei, unsere Wahrnehmung der Realität zu formen. Indem wir sie zusammenführen, können wir ein tieferes Verständnis dafür gewinnen, wie Realitäten geformt werden.









Maher Abdo wurde 1984 in der Stadt Idlib in Syrien geboren. Er studierte im Schwerpunkt Bühnenbild am Higher Institute of Dramatic Art in Damaskus. Nach seinem Abschluss engagierte er sich aktiv in der Theaterbranche und arbeitete an Produktionen von syrischen Serien und Filmen mit. Seit 2015 lebt Maher in Berlin, wo er 2023 sein Masterstudium in Production Design an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf abgeschlossen hat. Neben seiner Arbeit als Szenenbildner in der deutschen Filmbranche, baut und fotografiert Maher Abdo Architekturmodelle, um die Beziehungen zwischen Skulptur, Fotografie, Architektur und Film künstlerisch zu erforschen.
1. BUSHART, M.; WEDEKIND, G. (Hrsg.): Die Farbe Grau. De Gruyter, 2016. ISBN 9783110372793.
2. GUERIN, F.: WHAT IS GREY PAINTING?: TRACING A HISTORICAL TRAJECTORY. In: The Truth Is
Always Grey: A History of Modernist Painting [online]. University of Minnesota Press, 2018, S. 21–
66 [besucht am 2023-03-13]. ISBN 9781517900458. Abger. unter:
http://www.jstor.org/stable/10.5749/j. cc212174q.4.
3. SWR: ”Ben Willikens: Raum und Gedächtnis“ – Retrospektive im Schauwerk Sindelfingen
[https://www.swr.de/swr2/kunst-und-ausstellung/ben-willikens-raum-und-gedaechtnis-imschauwerk-
sindelfingen-100.html].
4. PARNASS KUNSTMAGAZIN: UNSER COVER-K.NSTLER IM PORTR.T STUDIO VISIT: BEN WILLIKENS
[hcps://www.parnass.at/news/studio-visit-ben-willikens].
5. KUNST ASPEKTE: Alan Charlton [https://kunstaspekte.art/event/alan-charlton-2008-09].
6. YouTube: Flood in Baath Country [https://www.youtube.com/watch?v=WAu22K8uuE].