
2017 waren noch immer 70 % der Schlüsselpositionen im Film mit Männern besetzt [1]. 2021 gaben 79% der Befragten bei einer groß angelegten Umfrage an, dass sie die Arbeit beim Film als grundsätzlich nicht, oder nur in Ausnahmefällen mit einem Familienleben vereinbar finden [2]. In unserem Szenenbild-Alltag, gerade bei kleineren Produktionen, passiert es, dass wir die Ersten sind, die kommen und die Letzten sind die gehen. Bei gut aufgestellten Produktionen ist das zwar nicht die Norm, aber gleichzeitig reden wir hier von extremen Arbeitsbedingungen in einem Umfeld, das ohnehin schon als absolut familienunfreundlich gilt. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in unserem Department also noch einmal eine viel größere Herausforderung.
Ihr seid zwei Mütter, die als Szenenbildnerinnen und im Art Department arbeiten – Danke, dass ihr euch heute die Zeit nehmt, um mit mir über eure Erfahrungen zu sprechen.
Josefine: Silke, wann hast du dein Kind bekommen und an welcher Stelle deines beruflichen Leben standest du da?



Ein Filmprojekt ist wie ein Schiff, das ablegt. Man springt auf und fährt mit. Irgendwann legt es wieder an und dann müssen alle wieder von Bord gehen. Aber während der Fahrt steigt niemand aus. Da ist es natürlich ein ganz blödes Gefühl, die einzige Person zu sein, die vorzeitig oder temporär aussteigt. Das hat sich niemand getraut. Dieses nur flüchtige, aber enge miteinander Arbeiten bedingt das Gefühl, die anderen in Schwierigkeiten zu bringen. Insbesondere da die Personaldecke immer einen Hauch zu dünn ist. Als Head of Department habe ich umgehend ein großes Problem, wenn mir auch nur eine Person ausfällt. Dadurch vermittle ich meinen Mitarbeitenden unbewusst, dass jede einzelne Person unentbehrlich ist. Das bekräftigt natürlich deren Gefühl, auf keinen Fall ausfallen zu dürfen.
JOSEFINE: Diese Herausforderung hatte ich bei meinem letzten Projekt auch. Ich konnte meinen Ansprüchen als „gute Chefin“ überhaupt nicht gerecht werden, weil wir als Team so schmal aufgestellt waren. Es war eine Serie für das Fernsehen und natürlich ein langer Zeitraum. Da werden Menschen auch mal krank und Leute haben private Termine. Ich wollte, dass Eltern in meinem Team einen Platz haben und gut mitarbeiten können. Aber ich habe die Bedingungen in keiner Weise so gestalten können, wie ich es mir eigentlich gewünscht hätte. Ich habe mich bei anderen Kolleg*innen umgehört und mich beschleicht das Gefühl, die Produktionsfirmen und Sender nehmen diese chronische Unterbesetzung aus Kostengründen billigend in Kauf. Ich finde diesen Zustand total deprimierend.
Ich bin als Mutter von existenzielleren Bedürfnissen angetrieben und kann mich nicht bedingungslos auf Sachen einlassen. Ich bin aber dabei, kreativ mit der Situation umzugehen und Dinge in Bezug auf meinen beruflichen Werdegang neu zu denken. Ich arbeite zum Beispiel nebenher selbstständig bei einer Innenarchitektin. Das gibt mir eine gewisse Unabhängigkeit von der Filmbranche, während zum Beispiel mein Partner arbeitet.
Ich suche gerade nach den Stellschrauben, wo und an welcher Stelle man wirklich Einfluss haben kann.
Es ist wichtig, dass sich an den Bedingungen beim Film etwas verändert. Nicht nur für Menschen mit Kindern. Es sollte sich generell etwas an der Work-Life-Balance ändern.

JOSEFINE: Während meiner letzten Produktion hatte ich den Eindruck, dass es einen richtigen Generationenkonflikt zwischen den „Alten Hasen“ und uns Anfang/Mitte Dreißigjährigen gibt, die zwar schon Erfahrung haben, aber noch nicht über dieses Standing als „Profi“ verfügen. Ich hatte das Gefühl, wir werden für Heulsusen gehalten. Weil wir Dinge in Bezug auf unserer Arbeitszeiten, die Verträge und Bedingungen unter denen wir arbeiten müssen hinterfragen und nicht als unveränderbar hinnehmen wollen.
Silke, wie nimmst du das als eine Person wahr, die in einem anderen, noch härteren Arbeitsumfeld groß geworden ist und heute selber Menschen ausbildet?
SILKE: Meine Generation sagt wahrscheinlich, dass ihr nur am Jammern seid, weil wir sehr gut im „Posing“ waren und uns wenig haben in die Karten gucken lassen. Sonst bestand unter Umständen die Gefahr, sich von den fast durchgehend männlichen Kollegen Sprüche anhören zu müssen. Also habe ich über mein Kind und die Umstände die es mit sich brachte eher nicht groß gesprochen. Das war quasi „geheim“.
Ich saß zum Beispiel bei Besprechungen und sah, dass mein Telefon die ganze Zeit klingelte: Die Kita! Oder: Die Schule! So „entspannt“, wie in einer solchen Situation möglich, bin ich dann aufgestanden und hab in der Kaffeeküche oder im WC das Gespräch entgegen genommen. Sobald alles für den Moment geregelt war, bin wieder zurück in die Besprechung, um „ganz entspannt“ weiter dort zu sitzen. Ich war nicht die, die laut gerufen hat: „Mein Kind ist krank, ich muss jetzt los!“ Ich habe versucht, das im Stillen zu regeln. Vielleicht ist das der Grund, warum wir heute manchmal so mit den Augen rollen, wenn es bei den Jüngeren heißt Work-Life-Balance und „Mein Kind ist krank“...weil wir es eben auch und anders geschafft haben. (überlegt)
Ich bin durchaus zwiegespalten. Es würde mich natürlich freuen, wenn jüngeren Frauen heutzutage diese komische Art von Gesprächen und Kommentaren erspart blieben, die ich damals erlebt habe. Und ich bekomme heute junge Männer mit, die sich ihre Kinder viel mehr zum Thema machen. Das finde ich natürlich sehr gut. Aber wenn dann ein junger Vater panisch von einem Konferenztisch aufspringt und ruft: „Huuu, ich muss jetzt mein Kind von der Kita abholen“, denke ich oft, dass ich das früher auch jeden Tag getan habe. Aber ohne so ein Theater zu machen.
SILKE: Wir waren eine Generation von Frauen, bei denen es keine Seltenheit mehr war, studiert zu haben, anschließend in anspruchsvollen akademischen Berufen unterwegs zu sein und die dennoch Kinder haben wollten. Nicht, dass es das nicht vorher schon gegeben hätte. Aber es waren doch eher Einzelfälle. Wir sind auch die Generation, die irgendwie in allem besser sein wollte als die Männer. Das ist natürlich Quatsch...warum soll ich besser sein wollen? Warum nicht genauso gut? Aber als Frau, die es zu etwas bringen wollte, musstest du damals in der selben Position einfach immer etwas besser sein als deine männlichen Kollegen.
SILKE: Ich hatte Männer um mich, die eine schlechtere Ausbildung hatten als ich. Die deutlich weniger „Drive“ hatten als ich. Die aber besser bezahlt wurden oder auch in besseren Positionen gearbeitet haben. Außerdem habe ich bemerkt, dass meine Karriere langsamer voran ging. Das wird ganz deutlich, wenn man sich anschaut, mit wem ich heute um die selben Jobs konkurriere. Das sind meistens Männer, die circa zehn Jahre jünger sind als ich. Das heißt, sie sind zehn Jahre früher an einem bestimmten Punkt gewesen, für den ich wesentlich länger gebraucht habe.
Damals war das immer nur so ein komisches Gefühl. Mittlerweile gibt es Studien, die solche Strukturen nachweisen und Initiativen, die sich mit diesen Phänomenen beschäftigen - Pro Quote Film zum Beispiel. Aber damals war das eben nur ein Gefühl oder gar eine Behauptung. Deshalb ist die Frage gar nicht so einfach zu beantworten...Bei diesen ganzen Nachteilen, die Frauen eh schon hatten … da noch mein Kind „wie einen Balkon“ vor mir herzutragen, das habe ich dann lieber gelassen.
SILKE: ...na wenn du zu irgendwelchen Branchentreffen damals gegangen bist, dann hieß es zum Beispiel von einem Produktionsleiter: „Soundso ist ausgefallen“, weil sie die „die Frauenkrankheit“ hat.
Und ich so: „Was denn für eine Krankheit?“
Der Produktionsleiter: „Die ist schwanger.“
Darauf habe ich gemeint: „Eine Krankheit, geht’s noch!? Du hast doch selber drei Kinder! Ist das eine Krankheit, oder was?!“ Ich musste dann rausgehen und konnte das nur mit dieser gewissen Aggression kompensieren.
Es gab auch solche Situationen, in denen ich telefonisch für ein Projekt angefragt wurde und im Hintergrund quäkte mein kleiner Sohn. Darauf kam die sehr interessierte Frage von der männlichen Produktionsleitung: „Ach, haben Sie Kinder?“ Da hatte ich mir die Gegenfragen schon zurecht gelegt: „Ja, einen Sohn! Haben Sie auch Kinder?“ – Hatte der. Natürlich hat er mich dann gefragt, wie ich es regeln wolle, als Szenenbildnerin mit einem Kind für sein Projekt zu arbeiten. Da habe ich einfach zurück gefragt, ob ER sich denn überlegt habe, wie er es mit SEINEN Kindern machen will. Ich erinnere mich noch heute mit Empörung dran, wie oft ich mich rechtfertigen bzw. unter Beweis stellen musste, beides schaffen zu können. Ich frage mich, wie oft meine männlichen Kollegen, die auch Väter waren, solche Fragen beantworten mussten?

SILKE: Ich mache mir am Jahresanfang immer Gedanken, zum Einen was für ein Jahresgehalt ich verdienen müsste, zum Anderen wie dabei ausreichend Zeit für mein Kind bleibt. Für mich ist diese Aufstellung zugleich eine hilfreiche Orientierung für Verhandlungen, denn wir brauchen als Familie eine halbwegs planbare finanzielle Grundlage und ich versuche nach Möglichkeit entsprechend zu verdienen. Zu dieser Gleichung kam später noch die Arbeitszeit für die Lehre hinzu, bei der ich Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren konnte. Diese Karriere in der Lehre war nicht geplant, aber ich habe irgendwann realisiert, dass ich parallel kein Filmprojekt machen konnte, wenn mein damaliger Partner arbeitete. Ich wollte diese Zwischenzeit trotzdem produktiv nutzen können. Bisher dachte ich, es sei ein individuelles Modell gewesen, aber Svantje hat vorhin genau die gleichen Beweggründe für einen „Nebenjob“ genannt. Das wird mir jetzt erst klar.
Meine Zeit war im Grunde immer dreigeteilt. Dabei war der Vater meines Kindes sehr wichtig. Ab dem Punkt, an dem ich es mir leisten konnte, habe ich auch ein Kindermädchen beschäftigt, und eine Reinigungskraft. Es ist sehr sinnvoll, Menschen zu beschäftigen und mit in die Familie zu holen, die einen unterstützen. Ohne diese Unterstützung hätte ich diesen Balance-Akt sicherlich nicht geschafft. Ich habe immer hart dran gearbeitet und vor allem auch hart verhandelt, diese Kosten möglichst abzudecken. Durch mein Kind hatte ich viel weniger Selbstzweifel im Beruf und eine größere Kraft und Stärke in den entsprechenden Verhandlungen.
SILKE: Sicher? Jeden Tag, den du arbeiten gehst, verdienst du mehr, als die Kinderbetreuung kosten würde. Auch, wenn sie etwas mehr als Mindestlohn verdient.
JOSEFINE:Es ist doch ein großer Unterschied, ob du als Head of Department arbeitest. Vielleicht kannst du dein Kind künftig immer mit in die Gehaltsverhandlungen nehmen (Lachen)...
In meiner Master-Endphase war mein Partner zwei Monate auf einem Projekt. In der Zeit musste ich arbeiten, meinen Abschluss schreiben und das Kind betreuen. Das wäre ohne temporäre bezahlte Kinderbetreuung nicht gegangen.
Nicht täglich, aber ein oder zweimal die Woche während der Abgabephasen. Zum Glück ist unser Kind sehr sozial und kann sich gut auf andere Menschen einlassen. Es wird auch mal von Freunden von der Kita abgeholt. Wenn wir dann wieder die Kapazität haben, übernehmen wir die Kinder aus dem Freundeskreis. Da muss man sich gut organisieren und es ist natürlich ein logistischer Aufwand. Außerdem kannst du die gesamte Woche durchplanen...dann wird das Kind krank und die ganze Organisation…
JOSEFINE: ...geht krachen.
SILKE: Bei uns war das ganz ähnlich mit der Organisation und involvierten Personen. Das Gute daran ist, man lernt sich gut zu organisieren und genau sowas muss man als Szenenbildnerin ja auch können.
SILKE: Ja. Das finde ich schon wichtig. Zu allererst sollte es natürlich möglich sein, in diesem Beruf Kinder zu haben. Gleichzeitig kann natürlich nicht immer das ganze Team permanent Rücksicht darauf nehmen. Wenn ich ausschließlich Eltern im Team hätte, könnte es sein, dass es unter Umständen logistisch schwierig wird. Wenn ich Eltern einstelle, muss ich mich darauf verlassen können, dass sie das Thema Kinderbetreuung gut organisiert haben. Im Ausnahmefall passiert dann eben auch mal was Unvorhergesehenes.
SILKE: Doch, erst recht! Die sind immer da, immer pünktlich, zudem top organisiert. Aber danach frage ich selbstverständlich nicht. Die Mischung macht’s! Ich habe selbst Erfahrungen gemacht, bei denen andere Vorgesetzte und Mitarbeiter*innen auf mich Rücksicht genommen haben. Mir ist es wichtig, Eltern im Team zu haben und sie zu integrieren. Außerdem bringen sie oft eine andere Stimmung mit ins Team, weil Eltern an einem bestimmten Punkt gehen müssen und nicht bis 23 Uhr im Büro sitzen. Das finde ich angenehm.
Es gab Zeiten, da hat es mich total gestresst, wenn ich als Mutter, aber eben auch bestbezahlte Chefin, um 19:30 Uhr nach Hause gegangen bin und meine Mitarbeiter*innen haben noch bis tief in die Nacht im Büro gesessen. Wenn ich gesagt habe: „Geht bitte nach Hause, macht Feierabend!“, wurde ich gefragt, wer denn dann die ganze Arbeit machen solle? Das war eine blöde Situation und ich habe gedacht: „Dann sind die Aufgaben eben nicht bis morgen fertig.“
SILKE: So einen Film anzufangen, ist wie ein riesiger Haufen, der mit einem Kipplader abgeladen wird. Wir bekommen alle einen winzig kleinen Löffel in die Hand gedrückt und beginnen unsere Aufgaben abzutragen. Diese Aufgaben sind erst mit dem Wrap vorbei, denn dann ist dieser Haufen abgetragen. So lange liegt er immer da. Irgendwann muss er abgetragen sein, das ist mir schon klar. Aber wenn da Leute bis 22 Uhr, 23 Uhr sitzen, habe ich den Auftraggebern gegenüber keine gute Argumentationsgrundlage, warum wir zum Beispiel noch weitere Unterstützung brauchen. Weil diese dann keinen Handlungsbedarf sehen, und sich sagen: Wieso, läuft doch?
SILKE: Gute Frage, weil ich mich selber ja immer noch eher in einem männlichen Umfeld sehe und mich daran gewöhnt habe. Wenn das zukünftig zu 90% in weiblicher Hand liegen sollte – und das wird es, wenn man sich den Nachwuchs ansieht, wird der Beruf so gestaltet werden müssen, dass Frauen darin bestehen können. Dann muss das Thema Kinder bzw. Elternschaft mehr mitgedacht werden. Wir Szenebildnerinnen werden die Bedingungen allerdings auch selber gestalten müssen, denn das wird niemand für uns übernehmen. Es muss aus unseren Forderungen heraus kommen, dass wir unter bestimmten Umständen arbeiten können und unter bestimmten Umständen eben nicht! Da gehört Job Sharing genauso dazu, wie ein angemessen aufgestelltes Team. Für das Szenenbild hat sich in den letzten dreißig Jahren ein ganz anderes Aufgabenfeld entwickelt. Mit den steigenden Ansprüchen an das production value, das mit den großen Serien einher kommt, müssen wir mittlerweile ein ganz anderes Können mitbringen. Bei guten Produktionsfirmen hat sich bereits rumgesprochen, dass man solche Projekte nicht mit einem kleinen Team über Nacht mit 24 Drehtagen und vier Wochen Vorbereitungszeit erstellt. Ihr, als Nachwuchs, müsst eine Art Selbstverständlichkeit dafür entwickeln, wie ihr diese geforderte Qualität überhaupt anbieten könnt. KEINE Kinder zu bekommen, ist dabei auf keinen Fall eine passende Option! Egal in welchem Beruf! Auch Szenebildnerinnen haben das Recht, Eltern zu sein. Die Bedingungen dafür zu schaffen liegt jedoch auch an euch.
SILKE: Als Szenenbildnerin habe ich es eigentlich in der Hand, für mich Voraussetzungen durchzusetzen, die es mir erlauben, mein Kind und den Beruf zu vereinbaren. Generell ist es wichtig in den Verhandlungen am Anfang ein ausreichend großes Team durchzusetzen. Weil das dann für mich und alle anderen auch Entlastung bedeutet. Wenn ich eine qualifizierte, gut bezahlte Assistenz habe, kann ich von dieser auch erwarten, dass sie für mich einsteht, wenn ich wegen des Kindes mal früher gehen muss. Es ist dann nicht komisch, wenn sie mich vertreten muss, sondern selbstverständlich. Bei Leuten, die nur Mindestlohn bekommen, wäre es total unangemessen, diese Form der Verantwortungsübernahme einzufordern. Ein zum Projektumfang passendes Budget ist für mich auch eine Garantie dafür, ob ich Stress haben werde oder eben nicht.
Zudem ist es wichtig darauf zu achten, genügend Geld zu verdienen. Um nicht in die Situation zu kommen, einen bestimmten Job unbedingt machen zu MÜSSEN, auch wenn ich weiß, dass die Bedingungen eigentlich nicht stimmen. Ich habe mich in meiner Position als Szenenbildnerin eigentlich immer ganz wohl gefühlt, weil ich den Eindruck hatte, diese wichtigen Faktoren beeinflussen zu können. Wenn ich merke, dass eine Produktionsfirma mich diesbezüglich versucht in Schwierigkeiten zu bringen, etwa durch chaotische Umstände, zu späte Anfragen etc., muss ich Abstand von so einem Projekt nehmen.
SILKE: Ich habe mir wirklich immer das schlechte Gewissen verboten und versucht, diesen Druck von Außen bestmöglich zurückzustoßen. Ob ich eine gute Mutter bin? Kann sein, kann nicht sein. Aber ich habe das Geld für Essen und Miete nach Hause gebracht und versucht, einen Anteil meiner Zeit ganz meinem Kind zu widmen. Ich bin auch nur ein Mensch und habe probiert, es bestmöglich mit dem Beruf hinzubekommen, den ich eben habe. Beim Film sind die Projekte immerhin zeitlich begrenzt. Ärzt*innen zum Beispiel haben immer diese extremen Arbeitszeiten. Ich konnte mich wenigstens entscheiden, ob ich mich um mein Kind kümmere oder gleich im Anschluss den nächsten Job mache. Es war nicht perfekt, aber machbar.
JOSEFINE: Ich setzte mich auch mit dem Thema auseinander, ob ich Kinder will oder nicht. Ich möchte aber selbst entscheiden können, ob für mich dieser Job mit Kind und Familie vereinbar ist oder nicht. Ich will nicht, auf Grund der gegebenen, also beschissenen, Bedingungen von Vornherein annehmen müssen, dass es sowieso nicht klappen kann und es dann lieber gleich bleiben lassen. Aber irgendwie tue ich genau das...
Jobsharing wird gerade sehr viel diskutiert. Wie aussichtsreich seht ihr dieses Konzept?
SILKE: Ich glaube, wir sind noch nicht so weit. Die Sender und Produktionen planen momentan mit einer Gage für ein*e Szenenbildner*in. Wenn wir uns den Job teilen, bedeutet es ja nicht, dass wir beide fünfzig Prozent arbeiten. Durch die Überschneidungen, die es geben muss, arbeiten beide ja eher sechzig Prozent. Also müsste die Produktionsfirma ungefähr zwanzig Prozent mehr Gage dafür zahlen. Oder wir verzichten auf Geld für die parallelen Übergabezeiten. Das fände ich aber nicht richtig.
Jetzt, wo es die vielen Serienangebote gibt, verändert sich die Situation. Solche Anfragen, ab sofort für anderthalb oder zwei Jahre durchgängig in einer Produktion zu sein, sind ja total unattraktiv. Mit DIESEN Arbeitszeiten und dann noch fast ohne Urlaub. Sicherlich verdient man viel Geld in so einer langen Zeit, aber dein Privat- und Familienleben kannst du ja dann zeitweilig komplett an die Garderobe hängen...Als Person mit Kind ist das eine wenig verlockende Aussicht. Deshalb denke ich, es wird künftig gar nicht anders gehen, als mit Job Sharing.
SILKE: Noch nicht! Aber wir Älteren kannten ja bisher keine Serien. Natürlich ginge das sehr gut mit Job Sharing und Absprachen, weil unser Department ja ohnehin die ganze Zeit von Kommunikation lebt. Wir müssen nur die Kommunikationsstrukturen so ausrichten, dass es gut funktioniert. Die Produktionen müssen darüber nachdenken künftig zwei Szenenbildner*innen für ein Projekt anzufragen, die sich gegenseitig Urlaub und Freizeit gewährleisten können. Wenn man in Zukunft seriös produzieren will, ist das die einzige Möglichkeit, denke ich, mit oder ohne Familie als Begründung. Die Art Department Mitglieder orientieren und interessieren sich ja momentan ohnehin schon sehr in diese Richtung.
SILKE: V!S!K!
JOSEFINE: Silke, du machst das super mit der VSK-Werbung...
SILKE: Fakt ist, er ist momentan das Einzige, was wir haben, um uns zu organisieren! Er ist die einzige Möglichkeit uns mit anderen Interessengruppen zu verbinden, uns zu treffen, und unsere Bedürfnisse miteinander auszutauschen. Es gibt dort Menschen, die ehrenamtlich für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen.
Wir dürfen nicht immer über das System schimpfen, sondern müssen es uns - als Teil dessen - auch selber gestalten.
SVANTJE WOLTERSDORF
Svantje Woltersdorf studierte im Studiengang Production Design an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Mit ihrer Masterarbeit „Frauen im Widerstand im Übergang zur Neuzeit – Eine Topografie der Macht“ schloss sie 2022 ihr Studium in der Klasse von Silke Buhr ab. Darin entwirft sie mithilfe von selbst entwickelten szenografischen Figurationen spekulative Zukunftsräume. Bereits während ihres Studiums arbeitete sie in verschiedenen Positionen im Bereich des Szenenbilds bei größeren und kleineren Produktionen für Kino und Fernsehen. Svantje interessiert sich für die interdisziplinären Schnittstellen zwischen praktischer (Film-) Kunst und künstlerischer Forschung.
JOSEFINE LINDNER
Bevor Josefine anfing, Filme zu gestalten, sammelte sie Erfahrungen als Bühnenbildnerin an verschiedenen Staats- und Off-Theatern. Bis 2020 absolvierte sie ihr Studium an der Universität der Künste in Berlin und der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf in den Klassen von Udo Kramer und Lothar Holler. Seit 2014 ist sie als Szenenbildnerin für Kurz- und Langspielfilme tätig. Ihre Arbeiten wurden unter Anderem mit dem Bild-Kunst Förderpreis der Hofer Filmtage und einer Nominierung zum Deutschen Filmpreis 2023 ausgezeichnet. Josefine ist Mitglied der Deutschen Filmakademie und engagiert sich im Verband der Berufsgruppen Szenen- und Kostümbild e.V. (VSK).
SILKE BUHR
Nach einer abgeschlossenen Tischlerlehre studierte Silke Buhr Innenarchitektur. Anschließend absolvierte sie das Diplom-Aufbaustudium Film- und Fernsehszenenbild bei Toni Lüdi an der FH Rosenheim in Kooperation mit der Hochschule für Fernsehen und Film München. Seit 1997 arbeitet sie als Szenenbildnerin. Neben dieser Tätigkeit lehrt sie als Dozentin für Szenenbild an verschiedenen deutschen Hochschulen. Seit 2020 ist Silke Buhr leitende Professorin des Studiengangs Production Design an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach u.a. mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Buhr ist Mitglied der Deutschen Filmakademie. 2019 erhielt sie eine Einladung zur Mitgliedschaft in der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die den Oscar verleiht.
[5] „Gender und Film“ von der FFA, Juni 2017 / Download: file:///Users/schakkinorris/Downloads/Studie%20Audiovisuelle%20Diversit%C3%A4t.pdf
[6] Gutachten der Senatskanzlei auf Basis einer Umfrage zu den Arbeitsbedingungen von Filmschaffenden in Berlin und Brandenburg mit über 6.000 Teilnehmenden / Download: https://www.berlin.de/rbmskzl/aktuelles/pressemitteilungen/2021/pressemitteilung.1160557.php