
Erst einmal herzlichen Glückwunsch zu den Nominierungen: Bei allen drei Filmen schlagt ihr eine Brücke zwischen historisch korrekten Charakteren mit modernen Elementen, die die Themen in die Gegenwart bringen. Wie war eure Herangehensweise? Tanja, bei DIE HERRLICHKEIT DES LEBENS, wie hast du dich angenähert?
TANJA: Als ich die Biografie über Dora Diamant gelesen hatte, wurde mir klar, dass es bei Dora ganz andere Dinge als Schönheit gewesen sein müssen, die auf Kafka anziehend wirkten: Es muss ihr Lebenswille, ihre Lebenslust, ihre Unabhängigkeit und moderne hands-on Lebensweise gewesen sein. Ich wollte nicht, dass Henriette Confurius als Dora nur als schöne Frau gesehen wird, sondern auch als pragmatische, warmherzige, großzügige Persönlichkeit und wollte diese Qualitäten von Henriette (beziehungsweise Dora) optisch unterstreichen. So habe ich zuerst versucht, mit ollen Oma-Röcken und dicken Pullovern von Henriettes Schönheit abzulenken. Am Anfang dieses Anprobenprozesses habe ich es vielleicht ein wenig überzogen und an Henriettes zarter Figur vorbeigedacht. Am Ende sind es schlichte Hängerchen mit dicken Pullovern darüber geworden, was Wärme transportiert, ohne herausgeputzt auszusehen.
Wie war es bei GIRL YOU KNOW IT’S TRUE. Bist du ein großer „Milli Vanilli“-Fan, liebe Ingken?
INGKEN: Als die beiden Stars wurden, war ich Mitte 20 und fand die mega uncool, viel zu sehr Mainstream. Mit der Anfrage und dem ersten Bilder-Check war ich total erschrocken, wie hässlich ich deren Styles fand. Aber während der umfangreichen Recherche und je tiefer ich in die Welt eingetaucht bin, desto spannender wurden sie. Die Jugendkulturen der 1980er Jahre sind total interessant. Die Jungs waren auf jeden Fall besonders. Sie waren Vorreiter ihrer Zeit und haben eine ganze Generation geprägt. Ihr Signature-Look, der Clash von schwarzen Bikerjacken mit Radlerhosen, dazu Adidas Torsion Sneaker, das fand ich am Ende richtig gut. Sie haben mit femininen Elementen gespielt und dieses Körper-Bewusstsein nach vorne gestellt, das war ganz schön speziell.
Gibt es bei dir eine fließende Grenze, wo Recherche aufhört und Eigeninterpretation anfängt?

INGKEN: Es gibt unfassbar viel Bildmaterial über Milli Vanilli, sowohl im Netz als auch in Dokus oder Interviews, mit denen ich eingestiegen bin. Und diese Bilder zeitlich einzusortieren war eine schöne Arbeit. Aber das Beste war, aus dieser Masse das Konzentrat zu ziehen und festzulegen. Diese Looks will ich im Film sehen, die sind für mich besonders: Das wird meine Milli Vanilli-Kollektion!
Angelehnt an die Vorlagen, habe ich auch neue Looks entwickelt, so z.B. die privaten Situationen, da gab es ja kaum Bildmaterial. Eine komplette Eigeninterpretation war bei diesem Projekt nicht möglich, weil es einfach ein Biopic ist. Ich habe aber deutlich Freiheiten genossen und mich zu keiner Zeit eingeschränkt gefühlt, weil ich mich an gewisse Vorgaben halten musste. Regisseur Simon Verhoeven hat von Anfang an gesagt, im besten Falle inspiriert euch die Historie. Es war eine wahnsinnig tolle Arbeit, und hat das Kostümbild über einen reinen Nachbau hinausgehoben. Wir haben Rob von Kind an bis zu seinem Tod begleitet, das war natürlich total schön, die ganze Entwicklung durch das Kostüm mitzunehmen. Wir haben da auch mit Farbschemata gearbeitet. Mit der Erfolgsgeschichte nahm die Farbwelt zu. Da ist die Entwicklung wohl am deutlichsten sichtbar. Es war auch toll, auf die Trends der 1980er und 1990er einzugehen, die seit einigen Jahren ein Revival haben und damit die jüngeren Menschen von heute auf diese Reise mitzunehmen.
Die Darstellung deiner Hauptfigur in STELLA. EIN LEBEN, wie hast Du dich diesem Thema genähert, Thomas?
THOMAS: Ich versuche immer, ein paar visuelle Anker zu setzen, die das Publikum historisch verorten kann und visuell klar vermittelt: Das ist Berlin, Ende der dreißiger, Anfang der vierziger Jahre.
Und innerhalb dieser Anker gibt es eine große Freiheit, wo das Kriterium nicht mehr die Korrektheit in historischer Hinsicht ist, sondern die Schlüssigkeit und die Glaubwürdigkeit. So kann man sich innerhalb dieses Rahmens eigentlich sehr frei bewegen. Das authentische Kostüm gibt es ja ohnedies nicht. Es ist also alles eine Erfindung, eine Behauptung, auch wenn es so tut als ob. Wenn es aber den Anschein macht, als hätte es so gewesen sein können, wird es interessant.
Kannst du näher darauf eingehen?
THOMAS: Der Ausgangspunkt und die Fallhöhe waren im Skript schon in der Eröffnung angelegt: Stella und ihre Freunde sind in dieser Swing Band, sie singt und ihre Freunde spielen Instrumente. Offensichtlich, dass sie die Gefahr überhaupt nicht einschätzen können, in der sie sich befinden, als Berliner*innen mit jüdischen Wurzeln Ende der 1930er Jahre. Sie unterschätzen das völlig. Und sie haben so eine jugendliche Leichtigkeit, die in dem amerikanischen Swing, den sie spielen, so gut rüberkommt; das wollte ich im Kostüm auch haben. Diese Lebenslust, diese Zuversicht, diese Selbstüberschätzung. So nach dem Motto - mir gehört die Welt.
Ich wollte Kostüme entwerfen, die für ein heutiges Auge fast schon „must haves“ sind - Stellas weite Hosen – ein schönes Beispiel, wie sich diese Verschränkung ausgeht: Es bringt einen historisch dorthin, wo die Handlung spielt, ist aber gleichzeitig für‘s heutige Auge attraktiv.



Wie seid ihr dazu gekommen, solche Stoffe bedienen zu dürfen?
TANJA: Ich bin großer Kafka-Fan und die 20er Jahre sind eine Lieblingszeit von mir, die ich zuvor noch nicht bearbeitet habe. Eine schöne Herausforderung, diese Zeit gleichzeitig modern und schlicht darzustellen. Mein Beweggrund, diesen Job anzunehmen, war das Komplettpaket, das der Film bot: Judith Kaufmann als Kamerafrau, Szenenbildnerin Katharina Wöppermann. Wir alle in einem Boot, tolle Bedingungen für eine schöne Zusammenarbeit!
INGKEN: Es war wie ein Geschenk, als meine Kollegin Silke Faber, die das Projekt absagen musste, mich vorgeschlagen hat. Sehr spannend an der Milli Vanilli-Geschichte ist für mich die Zeit der 80er und 90er Jahre mit dem Glam und dem popkulturellen Hintergrund. Regisseur Simon Verhoeven und ich haben beide eine große Affinität zur Popkultur. Außerdem steht bei diesem Film durch die große Zeitspanne, von den Anfängen der beiden Hauptcharaktere über den relativ kurzen Ruhm und den Abstieg, die Kleidung sehr im Fokus. Letztendlich wird über das Kostümbild die persönliche Entwicklung deutlich gemacht.
THOMAS: Bei mir war es totaler Zufall: Ich habe ein Telefonat mitbekommen, in der eine Freundin ein Jobangebot für dieselbe Produktion aus Zeitgründen absagte. Das machte mich hellhörig, weil ich den Stoff kannte und auch den Regisseur Kilian Riedhof, der mich schon mehrmals zur Zusammenarbeit eingeladen hatte, was allerdings aus Termingründen noch nie geklappt hatte. Also gratulierte ich dem Regisseur per SMS und wünschte ihm gutes Gelingen. Er antwortete „So schade, dass du keine Zeit hast. Vielleicht klappt’s ja beim nächsten Mal“. Jetzt war ich baff. Und es stellte sich heraus, dass die Produzenten seinem Wunsch, mich zu kontaktieren, nicht entsprochen hatten, sondern ihm vermittelten, ich wäre nicht verfügbar.
Also ein Komplott?
THOMAS: Nicht ganz. In Österreich ist die Filmförderung auch gender-politisch motiviert. Es gibt eine Art Punktesystem.
Ein Punktesystem? Kannst du das näher erläutern?
THOMAS: Frauen sollen verstärkt in Führungspositionen kommen, als Head of Department besetzt werden – und dafür gibt es zusätzlich Fördermittel. Allerdings ist es in diesem Fall so gewesen, dass jemand aus der Produktionsabteilung behauptet hat, mit mir gesprochen zu haben und ich hätte aus Termingründen abgesagt - was glatt erfunden war.
Das ist heftig. Tanja, Ingken, habt ihr auch solche Erfahrungen gemacht? Welche Dinge könnten in Zukunft besser laufen?
TANJA: Wenn wir schon politisch korrekt sind: Die Sache mit dem grünen Drehen ist ein Thema, das durchaus Potential hat, diskutiert zu werden.
Zu viele Ortswechsel während der Produktion?
TANJA: Ja! Während meiner Produktion haben wir an drei verschiedenen Orten gedreht, in Wien, in Berlin und an der Ostsee. Es wurde hin und her geflogen. Und dann stehe ich in der Nachweispflicht darüber, dass ich wenig kaufen, wenig verschwenden soll, viel aus dem Fundus leihen und auch wiederverwenden soll. Ich gebe mir große Mühe, mich bei der Arbeit nachhaltig zu verhalten. Aber die Flüge und Reisen stehen dazu in keinem Verhältnis.
Begegnen euch Begrifflichkeiten wie ein „zeitloses Kostüm“ erstellen oder „besonders unauffällig“ agieren, häufig bei der Entwicklung?
INGKEN: Tatsächlich habe ich gerade bei dieser Produktion immer mal wieder gehört, “wir müssen die Zuschauer*innen von heute abholen”, was ich ein wenig schade finde. Kinobesucher*innen werden damit einfach unterschätzt. Das ist doch gerade das Schöne an einem tollen Kinofilm, in eine andere Zeit und eine andere Welt einzutauchen.
TANJA: Wahr ist auch, dass ein „unauffälliges Kostüm“ eine vergebene Chance ist. Wir bringen mit unserem Kostüm Expertise ein, inhaltlich als auch künstlerisch. Eine kreative Chance zu verpassen ist ein Unding.
Als Kostümbildner*innen arbeitet ihr immer im Team. Wie wichtig ist die Zusammenstellung dieses Teams und wie bezieht ihr die Kolleg*innen mit ein?
INGKEN: Ich möchte nicht mehr so viel Hierarchie im Team haben und achte seit ein paar Jahren sehr stark auf Augenhöhe. Die Rangordnung gibt es schon genug beim Film. Ich bin zwar Head of Department, aber jede*r darf sich einbringen. Wenn ich beispielsweise ein Regiegespräch habe, dann habe ich gerne meine Assistentin dabei, die auch in dem ganzen Prozess mit drin ist und mit entwickelt. Ihre Meinung und Expertise hilft mir. Ich brauche Sparringpartner*innen in der Entwicklung. Bei Milli Vanilli war das sehr viel Recherche und in der Realisation ist der Support durch die Assistenz und ein eingespieltes Team nicht wegzudenken.
Obwohl Assistent*innen und Setkostümer*innen so wichtig und wertvoll sind, kommt ihnen dabei wenig Wertschätzung entgegen. Wie siehst du das, Thomas?
THOMAS: Das ist Teil der mangelnden Wertschätzung der ganzen Kostümabteilung, vielleicht auch den einzelnen Positionen, den einzelnen Fähigkeiten, Tätigkeiten und Funktionen gegenüber. Wir haben es, im Gegensatz zum Szenenbild zum Beispiel, noch immer nicht geschafft, differenzierte Funktionsbezeichnungen durchzusetzen. Es gibt leider nur Assistent*innen und Garderobier*en. Wie unser Department aber tatsächlich aufgebaut ist und wie sich Kompetenzen aufteilen, wird nicht vermittelt. Daran müssen wir arbeiten und das kann eigentlich nur von uns ausgehen, also von uns Kostümbildner*innen.
INGKEN: Total, weil das auch immer noch die Kolleginnen daran hindert, in der Position zu bleiben. Ich finde, dass der Nachwuchs oft einfach so die Positionen durchläuft, um dann möglichst schnell selbst Kostümbild zu machen. Das wäre sicher anders, wenn man Bezeichnungen mit Wertschätzung fände, wie im englischsprachigen Raum. Es würde helfen, dass Positionen besser anerkannt werden. Und um diese Funktionen auch attraktiver für den Nachwuchs zu machen. Da gebe ich Thomas absolut Recht. Und außerdem hat es damit zu tun, dass Kostümbild mit 80 zu 20 Prozent eher als Frauen-Beruf in der Hierarchie der Filmbranche weiter unten angesiedelt ist.
Wie sind deine Erfahrungen, Tanja?
TANJA: Ganz wichtig ist ein vertrautes Team. Ich arbeite gern mit einem Team, das sich über Jahre aufeinander eingespielt hat. Es geht um eine Wellenlänge und Geschmacksfragen. Und gerade bei diesen Produktionen, die dann länderübergreifend arbeiten, ist es einem selten möglich, sein eigenes Team mitzunehmen. Da wird ein Team spontan zusammengewürfelt und muss auf Knopfdruck funktionieren. Es ist keine Zeit da, sich aneinander zu gewöhnen, damit Abläufe reibungslos funktionieren, worauf ich mich bei einem großen Pensum an Arbeit einfach verlassen muss.
Nachwuchsmangel ist ein großes Thema in unserem Department. Wie können wir den Job attraktiver machen?
THOMAS: Wir stehen in der Pflicht, die Produzent*innen viel stärker zu motivieren, sich um Nachwuchsausbildung zu kümmern. Aber es ist noch immer schwierig durchzusetzen, dass Praktikant*innen im Sinne von „Learning by Doing“ in der Abteilung eingesetzt und nicht als kostensparende Hilfskräfte eingespannt werden.
Hast du das versucht?
THOMAS: Seit Jahren bemühe ich mich bei jeder Produktion, Stellen für Praktikant*innen nach dem Motto „Nie wieder Praktikum!“ einzurichten. Das darin beinhaltete Versprechen ist, wenn sie eine Produktion durchhalten, sind sie zumindest so fit, im Anschluss einen voll bezahlten Job übernehmen zu können.
Während des Praktikums sollen sie mittels „Job-Rotation“ alle Positionen und den gesamten Ablauf von Konzeption über Herstellung und Anproben bis zur Drehbetreuung kennenlernen. Dadurch werden keine Tages-Aushilfen eingespart, das müssen wir den Produzent*innen vermitteln, aber ein praktisches Ausbildungsprogramm angeboten, das kompetenten Nachwuchs bringt.
Setkostümer*innen übernehmen meist solches Anlernen von Praktikant*innen und sind damit auch gut gefordert, sie sollen zusätzlich ja auch noch ein ganzes Set bedienen, stellt sich die Frage nach der Entlastung. Könnte Jobsharing dabei eine Rolle spielen?
INGKEN: Mit einer Assistentin habe ich mir mal das Kostümbild geteilt, da ich das Projekt früher verlassen musste. Sie hat dann übernommen und wir haben uns die Gage geteilt. Gerade habe ich zwei Supervisorinnen, die sich die Stelle teilen, das funktioniert super. Eine davon war bei „Milli Vanilli“ hochschwanger, das ist jetzt ihr erster Job nach der Geburt. Ich wollte ihr den Einstieg direkt ermöglichen.
Dazu muss die Produktion aber bereit sein?
INGKEN: Absolut – und wir haben einen Weg gefunden, wie wir teilen möchten, alle zusammen. Eine Supervisorin ist Montag bis Mittwochmittag da, dann gibt es eine Übergabe und die andere übernimmt. Mit zwei Setkostümerinnen dazu bilden wir ein verlässliches Team. Für mich ist Jobsharing die Zukunft.
Vielen Dank für eure Zeit!
Ingken Benesch erhielt für ihre Arbeit in „Girl You Know It´s True“ die goldene Lola. Herzlichen Glückwunsch!