

↑ Blade Runner Prompt 1
Warum ist das so? Die KI erzeugt Bilder aus Big-Data-Archiven, die natürlich überwiegend mit den Bildern von Popkultur und Massenproduktion gefüllt sind. Diese Präferenz resultiert aus der Fülle und Beliebtheit solcher Inhalte in den benutzten Bildarchiven, die die häufigsten "Kunst"-Bilder im Internet ausmachen. Sie versammeln die bevorzugten Inhalte des westlichen, monokulturellen Freizeit-Eskapismus: Gaming, Werbung und den allgegenwärtigen Fantasy-Bilder-Trash. Durch die massenhaft erzeugten KI-Bilder beißt sich die KI-Schlange zusätzlich noch selbst in den Schwanz. Denn auch die KI-Bilderflut wird Teil der Bildarchive, und so verschlingt der Algorithmus auch seine eigenen visuellen Ausscheidungen.
Welche Strategien helfen uns bei der Nutzung von KI, diesen Trash-Effekt zu vermeiden? Um zum Beispiel einen Zugang zum Design von BLADE RUNNER zu bekommen, ist es notwendig, seine Konstruktionsweise zu verstehen. Statt den Kuchen nur zu verspeisen, muss ein Koch das Rezept kennen und dann mit den Zutaten umgehen lernen. Im Fall von BLADE RUNNER ist das die subtile und komplexe Konstruktion des Filmdesigns. Die Bildwelt dieses Films ist aus unterschiedlichen, teilweise widersprüchlichen Ebenen konstruiert: aus Moebius-Comics, Lawrence G. Paulls Retrofitting-Konzepten, den historischen Originalmotiven in L.A., Sid Meads 70er-Jahre-Futurismus und Scotts Ridleygrams [schnelle Skizzen mit denen Regisseur Ridley Scott anderen seine Ideen vermittelt, Anm.d.Red.]. Die KI kann diese Konstruktionsebenen des visuellen Endprodukts nicht erkennen oder separat nutzen.
Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit KI ist deshalb ein hybrider Ansatz sinnvoll. Statt die KI kontinuierlich mit subtileren Anweisungen zu trainieren, nutze ich KI-Material als Bauelement im Entwurfsprozess. Zuerst verwende ich die KI als eine Art smarte, interaktive Bildersuchmaschine, dann zerlege ich die Ergebnisse in Einzelteile, um sie in meine räumlichen Modelle zu integrieren. Diese benutze ich als Grundlagen, die wiederum mit Photoshop Beta dekoriert werden. Der Kern meiner aktuellen Arbeitsweise ist die Bildproduktion der KI selbst als Abbruchhalde für die eigene Bildproduktion zu nutzen. In einer ironischen Opfer-Täter-Umkehr werden die KI-Bilder dekonstruiert und im individuellen Entwurfsprozess wiederverwendet.
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Grundlagen der Prompts so konkret wie möglich zu gestalten. Am Beispiel BLADE RUNNER habe ich als Quelle die Originalbeschreibung der Romanvorlage verwendet. Denn Philip K. Dicks Beschreibungen sind noch ein weitgehend unbenutztes Terrain. Im Gegensatz zur Vision Ridley Scotts von einer verregneten, überfüllten Mega-City, spielt die Romanvorlage in staubigen, flachen Vorstadtbereichen - Vergiftete und verstrahlte Landschaften mit verlassenen Ruinen. Auf dieser Grundlage eröffnet die KI eine Reihe inspirierender Welten. Diese direkte Umsetzung der Literaturvorlage ist eine gute Ausgangsposition für einen eigenen Entwurf.

↑ Philip K. Dick Prompt
Eines der größten Probleme und Hindernisse dieser Methode ist die Zensur der Bilder durch die KI-Programme. Denn bestimmte Wörter sind auf Midjourney verboten, einschließlich Fleisch, Blut, Beute, Sex und Nackt. Europäische Freidenker sind nicht erwünscht, die KI erlaubt nur anglikanisch-protestantische Werte des Silicon Valleys. Diese inhaltliche Beschränkung ist das eine, künstlerische Problem. Aber Filmbilder sollten nicht nur „gut aussehen“ und auf Gimmicks oder Effekten basieren, sondern den Betrachter psychologisch und räumlich in die Erzählung einbeziehen - eine emotionale und gedankliche Reaktion des Betrachters hervorrufen.
Trotzdem ist KI ein leistungsstarkes Werkzeug, um überraschende Dinge zu generieren. Die Ergebnisse können wirklich fesselnd sein, wenn sie verstanden und in einen Kontext gesetzt, also gedanklich kuratiert werden. KI-Produkte können als Rohmaterial für weitere Collagen oder andere physische und digitale Medienarbeiten verwendet werden und somit Teil des kreativen Prozesses sein.

↑ Electric Sheep Entwurf Thomas Stammer
Wichtiger noch – die KI-Nutzung befragt die Qualität unserer digitalen Bildherstellung – so wie die Fotografie die Malerei befragt hat und der Film das Theater. Diese "Befragung" hat immer einige Zeit gedauert, bevor statt eines Klischees des Ausgangsmediums etwas Originelles und Eigenes entstand. Das bedeutet, wir sollten die KI nicht nur als Werkzeug einsetzen, sondern ein Bewusstsein für das Neue entwickeln, das darin möglicherweise entsteht, nachdem sichtbar wird, warum und wie wir diese Technik nutzen wollen.
Deshalb freue ich mich sehr, dass sich so viele Kolleginnen und Kollegen für die Phantasmen der KI-Programme interessieren. Denn daraus entstehen die richtigen Fragen und damit mögliche Ankerpunkte im Bilder-Tsunami des World Wide Web. Schon vor der KI-Welle wurden wir durch Mood-Boards überschwemmt, die oft in sich widersprüchlich und unklar waren, weil sie die kreativen Ergebnisse komplexer Kunstproduktion simulierten, aber deren Kontext einfach ignorierten. Das Hauptproblem ist bei KI-Bildern dasselbe – die massenweise Verwendung von hochwertigem Bildmaterial zu Lasten des bewussten Entwurfsprozesses und dadurch ein geringerer Zugriff auf die innere Statik und Konstruktion der Bilder.



Am Ende des Hypes um KI wird es mehr und günstigere Produktionen von Bildmaterial geben! Welche Qualität diese Bildwelten haben, liegt in unserer Hand. Durch die Nutzung von KI wird es bestenfalls zu einer Radikalisierung der Gestaltung kommen – so wie die klassische Moderne auf den Bilderbrei des Eklektizismus reagiert hat. Ich wünsche mir eine punkige Revolution der Bilder, aus widerspenstigen, kontroversen und emotionalen Standpunkten, statt einem unendlichen Berg aus KI-Massenproduktion. Die nicht so schöne Alternative wäre, dass sich die Zuschauenden an das aktuelle Bilder-Fast-Food gewöhnen. Um dem entgegenzuwirken, müssen wir in der Lage sein, in den Maschinenraum der Bildherstellung zu blicken, die künstlerische Absicht über die Mittel stellen und das Ergebnis der KI aus dem inhaltlichen Zusammenhang heraus beurteilen. Nur so können wir als Mit-Autoren Verantwortung übernehmen. Für den Entwurf der Production Designer ist die Visualisierung ein Werkzeug, kein Ergebnis. Der Entwurf gestaltet das Bild, nicht das Bild den Entwurf.
Auszug aus: "Production Design, Das Unsichtbare gestalten" A.T., Kapitel: " Schafe, Roboter und Träume, Künstliche Intelligenz und Entwerfen", Thomas Stammer, Berlin 2024