



Maskenbildner Jens Bartram verbildlichte anhand seiner erfolgreichen Projekte (u.a. UNORTHODOX, 2020 und DIE SPIEGEL-AFFÄRE, 2014) die Ausformulierung von Filmfiguren mit Make-up und Frisuren. Ich, Monika Hinz, sprach über das Abenteuer Recherche. Seit langem ist es mir ein Anliegen, dass diese wichtige Phase der Kostümarbeit, die Erstellung von Moods und Entwürfen, mehr gewürdigt und entsprechend honoriert wird. Oft genug wird seitens der Produktionen unterschätzt, wie aufwändig es ist, sich für ein Projekt fachlich sattelfest aufzustellen.
Die von mir vorgestellte Arbeit bezog sich auf das Projekt EIN DORF WEHRT SICH (2019), für das sich die Recherchearbeit über vier Wochen zog.
Der Film zeigt die Geschehnisse im Salzbergwerk Altaussee 1945:
Nazis haben für das geplante Führermuseum in Linz jahrelang tausende der größten Kunstschätze Europas geraubt und im Berg eingelagert, darunter der Genter Altar, Werke von Dürer und Vermeer.
Der Nero-Befehl Hitlers, den Berg vor der Befreiung durch die Amerikaner zu sprengen, hätte nicht nur die Kunstwerke zerstört, sondern auch den seit Jahrhunderten bestehenden, wichtigsten Arbeitsplatz der Region. Die Bergarbeiter beschließen unter lebensgefährlichem Einsatz, sich diesem Befehl zu widersetzen. Ihr Widerstand ist ein seltenes Beispiel von Mut und Solidarität.


Jedoch was tun, wenn sich bei der Vorbereitung des Filmprojekts zeigt, dass es im Grunde kein Foto eines Salzbergarbeiters in Altaussee um die Zeit 1930-1945 bei der Arbeit unter Tage gibt? Sondern ausschließlich solche, die feierlich herausgeputzte Arbeiter in Zunftkleidung vor dem Bergwerk zu besonderen Anlässen zeigen? Oder historische Bilder die Bewohner Altaussees nur in Tracht auf stilisiert-romantischen Fotos zu touristischen und ideologischen Werbezwecken wiedergeben? Auch aus dem Partisanenlager im Gebirge ließ sich nur Schriftliches finden, kein einziges Bild.
Ebenso die seit dem Einmarsch aufgetauchten neuen Bewohner Altaussees – hochrangige Nazis wie Ernst Kaltenbrunner oder Adolf Eichmann – haben keine Fotos hinterlassen. Fehlende Zeugnisse ihres Lebens, in zum Teil geraubten Sommerhäusern, die vielfach zuvor Juden gehört hatten und nun von Ihnen bewohnt und zu Schaltstellen ihrer grausamen Machenschaften wurden.
Da mir diese wichtigen Bildquellen zur Vorbereitung des Projekts nicht unmittelbar zugänglich waren, musste ich auf Kostümbibliotheken und die Recherche vor Ort zurückgreifen.




Als Kostümbildnerin stellten sich mir hierbei viele Fragen: Entsprachen die Fotos und Angebote der Trachtenkataloge der Steiermark von 1930–1945 der Alltagsrealität eines Bergbauern, einer Bäuerin? Welche Rolle spielte der Faschismus in der Stilisierung des Bäuerlichen? Welche Rolle spielten die dort ansässigen Holzschuhmacher? Wie sehr sollte sie sich in der Gestaltung der Kostüme an historische Vorlagen halten und wie sehr konnte der Realismus abstrahiert, ja stilisiert werden? Wenn zum Beispiel der Film zu einem grossen Teil über 1000 Meter tief im Bauch eines Berges spielt, und das abgebaute Material salzfarben ist, welche Patinierung sollte gewählt werden, um die ursprünglich eierschalenfarbenen Arbeitskleidung der Bergleute nach Arbeit aussehen zu lassen?
Die Recherche zur Beantwortung all dieser Fragen wurde zu einer spannenden Detektivarbeit. Zeitgeschichtliches und politisches Nachforschen vor der imposanten Bergkulisse einer grandiosen Landschaft, hat die Kostümarbeit zu diesem Projekt für mich zu einem einzigartigen Auftrag gemacht.