
VSK: Liebe Frau Dr. Perfahl, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für uns nehmen. Was sind für Sie als Wohnspychologin die wichtigsten Informationen, um bei der Gestaltung eines Raumes konkret beraten zu können? Es geht ja auch bei Ihren Räumen um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
B.P.: Die Informationen, die ich brauche, befinden sich auf zwei Ebenen. Zuerst einmal ist wohnen für uns so selbstverständlich, dass wir es nicht mehr hinterfragen. Man könnte fast sagen, wir sind betriebsblind.
Also frage ich meine Kund*innen als erstes: „Was ist ihr Leidensdruck? Was ist falsch an Ihrem Wohnraum?“, dann: „Was ist ihr Wunsch?“ und schließlich: „Warum ist es so, wie es ist? Was stand hinter den Entscheidungen, die zum jetzigen Zustand der Wohnung geführt haben? Wer hat die Möbel, die Raumnutzung, die Farben und die Positionen ausgewählt und was stand dahinter?“
Ich frage auch, wie frühere Wohnungen aussahen. Die Leute können sich immer leicht daran erinnern, was sie an der früheren Wohnung mochten und was wichtig war. Die Frage, „Wie haben sie als Kind gewohnt?“ überrascht die meisten. Dabei prägen uns diese Kindheitswohnungen sehr. Diese Kindheitsräume sind als Emotionen eingespeichert. Kleine Kinder können den räumlichen Hintergrund, die Emotionen und ihre Erlebnisse nicht voneinander trennen.
Manchmal stelle ich die „Gute-Fee-Frage“: Wie würde Ihre Wohnung aussehen, wenn eine gute Fee kommen würde und Ihnen Ihre Traumwohnung zaubert, spontan und mit aller Fantasie? Oft stecken da die wirklichen Bedürfnisse drinnen, losgelöst von dem, was von außen an uns herangetragen wurde und was dem Verstand entspringt. Ein zweiter Knackpunkt sind die vermeintlichen Hindernisse, dass man nicht ins Tun kommt. Meine Kunden und Kundinnen entwickeln häufig Ideen, um etwas zu verändern und antizipieren dann den Rattenschwanz an Aufwand, bevor er entsteht.
Ein Beispiel: Das Sofa soll an die andere Seite im Raum. Aber um das einfach einmal auszuprobieren, müsste erst das Sideboard weg, das dort steht. Aber die Wand hinter dem Sideboard ist schadhaft und müsste erstmal neu gestrichen werden. Und so weiter und so fort. Am Ende bleibt das Sofa unverrückt und die Idee unerprobt.
Meine Aufgabe ist hier, diese Hemmungen abzubauen. Ich gehe mit meinen Kund*innen in ihre Wohnung und gemeinsam stellen wir erst einmal einen Stuhl dahin, wo wir das Sofa haben wollen. Da setzen wir uns hin und schauen erst einmal, wie sich das anfühlt, dort zu sitzen. Und schon ist man in Aktion, im Tun. Von hier aus geht dann alles meist viel flüssiger.
VSK: Bei Filmsets spielen die Choreografien, die die Räume für Charaktere und auch für die Kamerabewegungen anbietet, eine wichtige Rolle. Wie ist das bei den Wohnräumen, die sie bearbeiten?
B.P.: Das spielt eine enorme Rolle beim Home Staging. Das ist ein Service, den wir für die Besichtigung von Wohnungen anbieten. Kaufinteressenten werden durch das Objekt geführt, um sich ein Bild zu machen. Wir richten die Wohnung ein, um die Räume emotional erlebbar zu machen. Es kommt vor, dass eine regelrechte Karawane durch die Wohnung geht. Dabei soll sich ein natürlicher Fluss ergeben, der wie ein Sog durch alle Räume geführt wird. Die Besucher und Besucherinnen sollen sich frei fühlen, alle Räume selbst entdecken zu wollen.
VSK: Wie machen Sie das?
B.P.: Das hat viel mit Mystery zu tun, der psychologisch formalen Ästhetik von Räumen, also: Wie erzeugen Räume Emotionen? Mystery bedeutet hier, ein gutes Maß zu finden, einerseits Neugier zu wecken andererseits aber nicht zu überfordern. Was macht mich neugierig? Wenn mir der Raum zuerst ausreichend Orientierung gibt, aber dahinten, da entdecke ich einen Akzent, den will ich näher betrachten, um ihn mir zu erschließen. Entscheidend für die Orientierung ist zum Beispiel die Reizmenge und die Frage, ob die Reize im Raum miteinander im Zusammenhang stehen. Definieren die Möbel durch ihre Anordnung, Lichtkegel oder Teppiche Zonen, lässt sich ihnen eine Funktion zuordnen, dann kann ich mich orientieren. Eher zur Reizüberflutung führen lose verstreut stehende Objekte. Um einen Sog zu erzeugen, muss sich die Spannung im vorherigen schon anbahnen. Was sehe ich durch die offene Tür? Wie konkret ist das, was ich sehe, was verspricht mir der Akzent? Die Wege sollen offen sein. Die Einladungen müssen aus der Ferne locken. Die meisten Menschen empfinden Räume als unangenehm, die mit zu vielen Funktionen und Informationen überfrachtet sind. Wenn ich aber eben nur einen bestimmten Raum zur Verfügung habe kann ich sehr viel Ruhe gewinnen, wenn ich Zonen wohl überlegt definiere.
VSK: Wenn Sie eine Filmwohnung für eine Hauptfigur einrichten sollten, welche Position würden Sie zuerst einnehmen, die des Charakters oder die des Zuschauers?
B.P.: Der Zustand der Wohnung spiegelt ja die aktuelle Lebenssituation wider. Wie ist die Familiensituation, die Finanzstärke, etc. Ich würde über den Charakter gehen; das passiert ja auch häufig, wenn ich an Filmwohnungen denke. Wobei man sagen muss, dass es in der Realität Wohnungen gibt, die wenig Zusammenhänge mit den Wohnenden herstellen. Manche Menschen haben keine Intuition für das, was sie wirklich wollen. Auch spiegeln Paarwohnungen häufig nur einen Partner wider, während man den anderen kaum oder gar nicht spürt.
VSK: Haben Sie schon mal ein Filmset gesehen, das aus wohnpsychologischer Sicht gar nicht oder auch besonders gut zum Charakter gepasst hat? Und hat dieses (Nicht-) Zusammenpassen dem Film und damit dem Zuschauer gedient?
B.P.: Ich finde schon, dass es das gibt: Filmräume, die die inneren Konflikte widerspiegeln. Zum Beispiel die Serie „The Crown“. Ganz viel spielt sich im Palast ab; der ist einerseits prunkvoll, repräsentativ, hat aber mit den Privatpersonen, die da wohnen nichts zu tun. Wohl aber mit den offiziellen Räumen und Rollen, die diese Personen im Amt ausfüllen. Und dann gibt es, auf der anderen Seite, diese vielen kleinen Kämmerchen, die teilweise regelrecht heruntergekommen aussehen. Das macht für mich die Zerrissenheit zwischen Privatperson und öffentlicher Rolle erlebbar. Der Palast ist für die Rollen, die Palasträume sind für die Monarchie. Aber Menschen haben darin ein Privatleben. Es gibt Folgen, da laufen und laufen die Charaktere in diesen gigantischen repräsentativen Räumen, bis sie einander endlich gefunden haben. Und sie suchen sich ja auch selbst. Und dann gibt es diese kleinen Inseln von persönlichem Umfeld in einer feindlichen Umgebung.
VSK: Haben Sie auch ein Beispiel, das für Sie weniger Sinn ergeben hat?
B.P.: Nicht passend finde ich manchmal deutsche Krimis. Der Kommissar ist oft ein alleinstehender Mann, der unkonventionell und schick in einem Loft wohnt. Und ich frage mich, wie er sich das mitten in München leisten kann. Außerdem ist ein Kommissar ein Beamter in einer schwierigen Situation, da frage ich mich, wie er zu der Kunst an der Wand kommt und zu den Designermöbeln. Es irritiert mich, da sich mir diese Seite der Figur nicht erschließt. Wann bedient er diesen Lebensstil, wenn er Tag und Nacht in der Arbeit steckt?
VSK: Ein Kommissar sieht furchtbare Dinge in seinem täglichen Leben. Ich frage mich, ob man diese seelische Belastung, die damit ja sicherlich einhergeht, irgendwie in seinem Wohnraum erkennen kann. Und generell frage ich mich, ob man psychische Dysfunktionalitäten an Wohnräumen ablesen kann.
B.P.: Dieser Aspekt des Rückzugs und Erholung von belastenden Erlebnissen könnte eine große Rolle spielen; also: „Tür zu und die Welt bleibt draußen“. Aber diagnostisch aus der Wohnung etwas abzulesen, finde ich schwierig. Wenn jemand z.B. nichts Persönliches in seiner Wohnung hat, dann gibt es manchmal so ein Gefühl von Vernachlässigung. Vielleicht hat ihn sein Leben so ausgesaugt, dass er keine Energie mehr dafür hat. Oder er hat sich abgekapselt von seinem Verhältnis zu seinem Umraum. Vielleicht hat er auch nicht das entsprechende Wohnbedürfnis.
VSK: Was meinen Sie damit, er hat kein Wohnbedürfnis?
B.P.: Man kann in sechs Wohnbedürfnisse unterscheiden. Zuerst das Bedürfnis nach Sicherheit, also ein funktionierendes Schloss an der Tür oder auch Vorhänge oder Jalousien zum Schutz vor Einsicht von draußen. Die meisten Befragten nennen das Bedürfnis nach Erholung zuerst. Hier wird die Privatsphäre gepflegt. Der Wunsch nach Geselligkeit, nach Kommunikation ist ein weiterer Punkt. Die Selbstdarstellung ist eine Seite des Wohnens. Auch das schiere Bedürfnis, die eigene Umwelt zu gestalten ist vielen ein wichtiges Anliegen. Zu guter Letzt unterscheiden wir uns in unserem ästhetischen Verlangen. Die einen halten es nicht aus, wenn das Bild nicht zur Couch passt, die anderen brauchen eine gemütliche Position auf der Couch und einen guten Blick zum Fernseher. Das muss nicht heißen, dass die Person unordentlich oder ihre Wohnung unpersönlich eingerichtet wäre. Vielmehr ist ihr die visuelle Gestaltung egal.
Diese Wohnbedürfnisse sind bei jedem unterschiedlich stark ausgeprägt. Wenn ich meine Kunden und Kundinnen berate muss ich dazu wissen, welche Bedürfnisse bei ihnen wie stark ausgeprägt sind.
Einer Filmfigur könnte man sich ebenfalls über diese Fragen und Gewichtungen annähern. Die kommen aus seiner Persönlichkeit, aus seiner Wohngeschichte. Das trifft nun auf ihre Alltagsanforderungen. Da ist ziemlich viel möglich.
VSK: Meine letzte Frage geht über Wohnungen und Filme hinaus. Gibt es aus psychologischer Sicht Gestaltungsregeln, die auf Menschen in allen Kulturkreisen gleichermaßen zutreffen?
B.P.: Grundsätzlich ist Wohnen kulturell geprägt. Das hängt unter anderem auch mit der Landschaft und dem Klima zusammen. Was uns Menschen vereint, ist unser gemeinsames evolutionäre Erbe. Die Wahrnehmung funktioniert bei allen gleich, sie hat sich über Jahrtausende entwickelt, entlang der freien Natur. Daraus ist unser Gehirn, unser Denken, sind unsere Emotionen entstanden. Deshalb funktionieren wir in unterschiedlichen Umgebungen unterschiedlich gut.
Da sind wir wieder bei den Reizen: Am besten funktionieren wir in einem mittleren Reizniveau, wo es also keine Reizdeprivation oder -überforderung gibt. Das entspricht einer Umgebung in freier Natur, die nicht gerade lebensfeindlich ist, wie die Wüste oder die Arktis, sondern eine durchschnittliche Landschaft. Reize, die zusammenhängen, empfinden wir als angenehm: Man hat einen Überblick, aber es gibt auch genug zu entdecken.
Allgemein empfinden wir Raumtypen unterschiedlich. In einem quadratischen Raum, in dem man mit mehreren Menschen ist, fühlt man sich eher beengt als in einem gleichgroßen rechteckigen Raum. Räume, durch die man hindurchschauen kann, werden als positiver erlebt. Überdimensionierte Räume, die also den menschlichen Maßstab sprengen, werden eher als unangenehm erlebt. Diese Dinge wirken im Grunde auf alle Menschen. Ebenso wie die Erkenntnis, dass Naturelemente uns allen guttun.
Zum Beispiel erzielen Menschen beim Lösen von Aufgaben signifikant bessere Ergebnisse, wenn sie die Möglichkeit haben, dabei aus dem Fenster zu schauen oder auf ein Bild von Natur. Man nennt das den Aufmerksamkeits-Erholungs-Effekt: Unwillkürlich und unbewusst schaut der Mensch beim Arbeiten zwischen Aufgabe und Bild hin und her. Das schafft eine Mikro-Erholung.
Kulturübergreifend auf der ganzen Welt werden 4 Naturelemente als schön erlebt: Wasser, Bäume, Ausblicke und blühende Wiesen. Das geht auf unser evolutionäres Erbe zurück.
Dort hingegen, wo es um Wohnbedürfnisse und Wohnideale geht, gibt es große kulturelle Unterschiede. Wieviel Raum man beansprucht, Fragen der Außenwirkung und wieviel Fremde von außen einsehen können. In Amsterdam kann man von der Straße aus in fast jedes Wohnzimmer hineinschauen, wohingegen in England und auch in Deutschland die Privatsphäre sehr geschützt wird.
VSK: Vielen Dank für Ihre Denkanstöße und ihre Sicht auf Räume und Menschen.